Forschungsprojekt im SFB1412 "Register"
mit S.Jannedy, ZAS Berlin, INST 276/780-2, zur ProjektseiteExterner Link
In einer neuen Studie untersuchen wir, ob die wahrgenommene Formalität einer Gesprächssituation – dargestellt durch unterschiedliche Kleidung und Frisur einer Gesprächspartnerin sowie durch verschiedene Sprechaufgaben – phonetische Merkmale der Sprache beeinflusst. Außerdem interessiert uns, ob sich Personen individuell unterschiedlich an solche formellen oder informellen Situationen anpassen.
Hintergrund:
Menschen passen ihre Sprache je nach Situation an – aber wie genau geschieht das? Welche Rolle spielt dabei der Eindruck, wie formell oder informell das Gegenüber wirkt? Unterscheiden sich z. B. prosodische Merkmale wie Grundfrequenz oder artikulatorische Merkmale wie der Vokalraum, wenn man ein Rezept erklärt oder eine Gehaltserhöhung verlangt? Im Rahmen des SFB1412 “Register” untersuchen wir, wie sich Sprache innerhalb einer Person je nach Kontext verändert. In dieser Studie setzen wir ein neu entwickeltes, experimentelles Design ein, um diese situativ-funktionelle Variation kontrolliert zu erfassen.
Experimentdesign:
Für das Experiment wurden Videos erstellt, in denen eine Frau zu sehen ist, die still hinter einem Tisch sitzt und zuhört. Sie spricht nicht, aber ihre Kleidung, Frisur und ihr Make-up wurden verändert, sodass sie entweder formell oder informell wirkt. Zwei Versionen dieser Videos wurden ausgewählt – eine, die als sehr formell, und eine, die als sehr informell bewertet wurde.
In einem zweiten Schritt wurden die Teilnehmenden gebeten, mit dieser Frau zu sprechen:
- In der formellen Situation (mit der formell wirkenden Frau) sollten sie eine Gehaltserhöhung begründen.
- In der informellen Situation (mit der informell wirkenden Frau) sollten sie ihr Lieblingsrezept beschreiben.
Die Sprache der Teilnehmenden wurde anschließend untersucht – insbesondere zwei Aspekte:
- die mittlere Grundfrequenz (Stimmhöhe)
- der Vokalraum (Verteilung der Vokale im akustischen Raum)
Ergebnisse:
Unsere Auswertungen zeigen: Die Teilnehmenden veränderten ihre Aussprache je nach Situation – aber nicht alle auf die gleiche Weise. In der formellen Situation sprachen sowohl Männer als auch Frauen deutlicher: Die Vokale unterschieden sich stärker voneinander, das heißt, sie wurden klarer ausgesprochen. Bei der Stimmhöhe gab es Unterschiede zwischen Männern und Frauen:
- Frauen sprachen in der formellen Situation tiefer und mit weniger Schwankung in der Stimmhöhe.
- Männer zeigten bei der Stimmhöhe keine eindeutige Veränderung.
Auch der Ort der Aufnahme spielte eine Rolle:
- Wurde das Gespräch im Labor aufgenommen, zeigten die Teilnehmenden deutlichere Anpassungen an die Situation. Fand das Experiment zuhause statt, waren die Unterschiede zwischen den Situationen weniger stark ausgeprägt.
Fazit:
Die Studie zeigt, dass Menschen ihre Aussprache je nach Situation anpassen – vor allem, wenn ihr Gegenüber besonders formell oder informell wirkt. Diese Anpassung betrifft sowohl die Deutlichkeit der Vokale als auch – bei Frauen – die Stimmhöhe.
Zudem hängt es vom Umfeld ab, wie stark diese Veränderungen ausfallen: Im Labor sprechen Menschen anders als zu Hause – selbst wenn die Aufgabe gleich bleibt.
Publikation:
Duran, D., Weirich, M., & Jannedy, S. (2025). Experimental assessment of phonetic register variation in situated interaction. Register Studies. DOIExterner Link.