Reflexion interkultureller Erfahrungen (7)

Online Follow-up Meeting / Rencontre en-ligne final

Interkulturelle Erfahrungen reflektieren
Reflexion interkultureller Erfahrungen (7)
Grafik: privat

Im Dezember 2025 tauschten sich die Studierenden über ihre interkulturellen Erfahrungen aus und reflektieren die Ergebnisse des Präsenzworkshops. Aufbauend auf den Ergebnissen des Workshops formulierten sie konkrete Ideen für die Weiterentwicklung der Wirtschafts- und Sprachstudiengänge, um so eine Reform dieser Studiengänge anzustoßen. Unabhängig davon durchliefen die teilnehmenden Dozierenden denselben Reflexionsprozess und formulierten ihre Schlussfolgerungen für die Weiterentwicklung der Studiengänge.

Anhand der folgenden Fragen reflektierten die teilnehmenden Studierenden das Projekt:

  • 1. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse des Projekts?

    Aus Sicht der Studierenden gehören zu den wichtigsten Ergebnissen des Projekts der intensive kulturelle Austausch sowie die spürbare Verbesserung der Kommunikations-, Organisations- und Sprachfähigkeiten. Sie lernten unterschiedliche Aspekte des deutschen und tunesischen Alltags, der Musik, der Geschichte und der Kultur kennen, die über Inhalte klassischer Universitätsseminare hinausgehen. Besonders prägend war die Erkenntnis, dass sich Alltage trotz kultureller Unterschiede an ähnlichen Routinen und Bedürfnissen orientieren und dadurch viele Gemeinsamkeiten sichtbar werden. Zudem setzten sich die Studierenden mit dem Kolonialismus und gesellschaftlichen Themen wie Frauenrechten auseinander und stellten fest, dass Frauen in beiden Ländern trotz unterschiedlicher historischer Entwicklungen vergleichbare Herausforderungen erleben. Die gemeinsame Dokumentation mit Bildern und Videos sowie der Austausch über Social Media trugen dazu bei, das gegenseitige Verständnis zu vertiefen und interkulturelle Zusammenarbeit praktisch erfahrbar zu machen.

  • 2. Welche Gemeinsamkeiten sind Ihnen zwischen Ihnen und Ihren Projektpartner:innen aufgefallen? Was haben Sie Neues über sich selbst gelernt?

    Die Studierenden stellten fest, dass sie mit ihren Projektpartner:innen viele Gemeinsamkeiten teilen, insbesondere Offenheit, Neugier, Teamgeist und die Freude daran, neue Menschen und Kulturen kennenzulernen. Trotz unterschiedlicher Hintergründe war allen wichtig, neben der Projektarbeit auch Zeit für gemeinsames Essen, Kaffeepausen, Gespräche und informelle Begegnungen zu haben, was den Zusammenhalt stärkte. Als gemeinsame Basis erwiesen sich außerdem ähnliche Alltagsprobleme, Lerngewohnheiten und Interessen an Sprache, Geschichte, Politik und Kultur. Neu war für viele Studierende vor allem der selbstverständliche Umgang mit Mehrsprachigkeit in Tunesien, das Kennenlernen des tunesischen Dialekts Darija sowie Einblicke in Familienstrukturen, Studienalltag und ausgeprägte Gastfreundschaft. Darüber hinaus lernten die Studierenden viel über sich selbst, etwa den eigenen Umgang mit neuen Situationen, die Bedeutung von Flexibilität und wie bereichernd unterschiedliche Perspektiven für Zusammenarbeit und persönliche Entwicklung sein können.

  • 3. Welche Erfahrungen interkultureller Kommunikation haben Sie während des gesamten Projekts gemacht?

    Die Studierenden beschrieben die interkulturelle Kommunikation während des Projekts vor allem vor dem Hintergrund der gewonnenen Eindrücke in der gemeinsamen Projektarbeit.Flexibilität wurde als Kernkompetenz in der Zusmmenarbeit identifiziert. Gleichzeitig wurden die tunesischen Studierenden als sehr offen, herzlich und gastfreundlich wahrgenommen, wobei Nähe schnell entstand und persönliche Bedürfnisse zugunsten von Höflichkeit oft nicht klar artikuliert wurden. Sprachliche Vielfalt sowie indirektere Kommunikationsstile führten stellenweise zu Missverständnissen, weshalb wiederholtes Nachfragen und das Absichern von Vereinbarungen notwendig waren. Insgesamt zeigte sich, dass Offenheit, Anpassungsfähigkeit und ein weniger strikt geplanter, prozessorientierter Ansatz die interkulturelle Zusammenarbeit deutlich erleichterten.

  • 4. Inwiefern sind diese interkulturellen Erfahrungen mit Blick auf Ihre Studiengänge interessant? An welchen Stellen haben Sie sich an bestimmte Inhalte aus dem Studium erinnert gefühlt, was war eine völlig neue Erkenntnis?

    Die interkulturellen Erfahrungen waren für die Studierenden besonders interessant, da viele Situationen konkrete Praxisbeispiele für theoretische Inhalte aus den Studiengängen darstellten, etwa zu Kommunikationsstilen, Zeitkulturen oder High- und Low-Context-Kommunikation. Unterschiede zwischen direkter und indirekter Kommunikation sowie zwischen monochronem und polychronem Zeitverständnis erinnerten an Modelle von Hall, Hofstede oder Trompenaars und machten diese greifbar. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig im Studium behandelte Kompetenzen wie Ambiguitätstoleranz, Frustrationstoleranz und Unsicherheitsmanagement in realen Projekten sind. Neu war für viele Studierende vor allem die stark gelebte Gastfreundschaft, die flexible Auslegung von Verbindlichkeit sowie das intensive Erleben von Mehrsprachigkeit und Code-Switching im Alltag. Darüber hinaus führte die Erfahrung dazu, die eigene kulturelle Prägung kritischer zu reflektieren und essentialistische Vorstellungen von „Kultur“ zu hinterfragen.

  • 5. Welche Erkenntnisse sollten mit Blick auf die Vermittlung interkultureller Kommunikation in den von Ihnen belegten Studiengängen zukünftig eine Rolle spielen? Wie könnten die Erkenntnisse in die integriert werden?

    Aus Sicht der Studierenden sollte die Vermittlung interkultureller Kommunikation in den Studiengängen stärker auf reale oder realitätsnahe Begegnungen setzen, da viele zentrale Erkenntnisse erst in konkreten Situationen erfahrbar werden. Sie sind der Meinung, dass praxisnahe Formate wie Rollenspiele, Simulationen, internationale Kooperationen oder Studienreisen einen wichtigen Beitrag zum interkulturellen Lernen leisten können. Außerdem halten sie es für notwendig, Selbstreflexion stärker in die Lehre einzubinden, etwa durch Critical Incidents, Journaling oder gemeinsame Auswertung von Erfahrungen. Die Studierenden betonen zudem, dass Ambiguitätstoleranz, Flexibilität und der Umgang mit Unsicherheit gezielt trainiert werden sollten, beispielsweise in kurzen, praxisorientierten Lehrmodulen. Schließlich vertreten sie die Ansicht, dass Sprache und Kultur nicht getrennt vermittelt werden sollten und kooperative Lernformate wie Teamarbeiten oder Sprachtandems interkulturelle Kompetenz besonders wirksam fördern.