Abzweigung Straßenschild

Praktikumspanorama

Wir geben Dir Einblicke in die Höhen und Tiefen der Arbeitswelt durch unsere Praktikumsberichte.
Abzweigung Straßenschild
Grafik: Corinna Schüller

Praktikumsreportagen

  • „Kofola und Schoko-Mandel-Eis" – über das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren

    Bild 1: Eingang Prager Literaturhaus Bild 2: Kofola Flasche Bild 3: Blumen im Park Bild 4: Hängematte

    Foto: Corinna •Cörry• Schüller

    Ziemlich unromantisch klettere ich am Busbahnhof Prag Florenc aus dem Flixbus. Mitte Juli heizen sich die massige Betonfläche und die laufenden Motoren der Reisebusse gegenseitig auf. Ich schultere meinen Rucksack, hole mein Fahrrad von der Halterung am Bus und schiebe mich durch die Menschenmenge zur U-Bahn. Nach nur wenigen Minuten in Prag habe ich direkt meine neue Lieblingsklimazone entdeckt: die U-Bahn-Stationen. Mit scheinbar nie enden wollenden Rolltreppen fährt man Meter für Meter hinunter in den kühlen Untergrund Prags. Herrlich! Und die Begeisterung findet kaum ein Ende. Ein Drei-Monats-Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel im Großraum Prag kostet nur 1 480 CZK (ca. 60 Euro). Für Studierende bis 26 Jahre kostet es sogar nur 360 CZK. An dieser Stelle rege ich mich immer darüber auf, dass es eine Altersgrenze für das Studierendendasein gibt.

    Mit der U-Bahnlinie B und anschließend der Tramlinie 5 verlasse ich die Innenstadt und erreiche den Randbezirk Slivenec. Hier werde ich die nächsten drei Monate leben. Auf dem Campingplatz. Die Inhaber*innen Michal und seine Eltern wohnen auf einem Hof mit einer großen Obstwiese, die sie als Campingplatz vermieten. Bei meiner Ankunft sitzen alle drei vor dem Hauseingang auf einer weißen Plastikgarnitur und rauchen. „Du bist Corinne“, fragt mich die Mutter direkt. Mein Aussehen und Equipment haben mich vermutlich verraten. „Du bist die, die drei Monate in der Hängematte schlafen will?“ Die Mutter spricht sehr gut Deutsch, wohingegen Michal hauptsächlich Englisch mit mir spricht. Der Vater spricht eher wenig bis gar nicht. Auch in den nächsten Monaten beschränkt er sich auf ein Kopfnicken und Handheben. Meine Hängematte mit Tarp und Quilt ist schnell zwischen einem Marillen- und einem Birnenbaum gespannt. Abends laden mich Michal und seine Freundin Svetlana zum Abendessen ein. Ich habe mich bewusst für diese Unterkunft entschieden: Zum einen, weil ich generell sehr gerne und sehr gut in meiner Hängematte unter freiem Himmel schlafe, zum anderen, weil ich schlichtweg zu faul für die Wohnungssuche war. Die Wohnungspreise in Prag sind jedoch mit denen in Leipzig und Jena vergleichbar. 

    Nachdem ich mich am Wochenende in meiner Hängematte eingelebt und die nähere Umgebung erkundet hatte, habe ich am Montag mein erstes Praktikum angetreten. Das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren (Pražský literární dům autorů německého jazyka) befindet sich in der Prager Neustadt (Praha 2) in der Nähe des Karlplatzes (Karlovo náměstí). Die kleine Bibliothek und das Büro liegen unscheinbar in einem Hinterhof. Je länger ich in Prag bin, desto mehr verstehe ich, dass jeder Innenhof sein eigenes Leben hat und man immer wieder überrascht wird. Das deutsch-tschechische Literaturhaus wurde im Jahr 2004 von der Autorin Lenka Reinerová, dem Botschafter František Černý, Kurt Krolop von der Franz-Kafka-Gesellschaft und Markéta Mališová vom Franz-Kafka-Zentrum gegründet. Reinerová formuliert ihr Anliegen und ihre Vision wie folgt:

    „Kein Traumcafé, sondern ein Literaturhaus als realer Standort für Interessenten und Gönner des einst so berühmten “Prager Kreises” dem Franz Kafka, Max Brod, Egon Erwin Kisch und weitere namhafte Autoren deutscher Sprache angehörten, sowie als Treffpunkt für Freunde der zeitgenössischen Literatur – dies soll das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren sein" (Lenka Reinerová zur Gründung des Stiftungsfonds, Prager Literaturhaus, 2025)

    Ich werde von dem Direktor, Herrn David Stecher, der Managerin, Vanessa Elbaz, und einer weiteren Praktikantin, Katja von der Universität Göttingen, begrüßt. Bei einer kalten Kofola und einem Mandel-Schoko-Eis erklärt mir Herr Stecher, der gerne „Chef“ genannt werden möchte, meine Aufgabenbereiche. Diese klingen zunächst sehr vielseitig: E-Mail-Accounts betreuen, die Website und Social-Media-Plattformen mit Fotos und Informationen bespielen, deutsche Texte verfassen oder redigieren, die Bibliothek und das Bücherkabinett aktualisieren und organisieren, gelegentlich Lesungen und Veranstaltungen vorbereiten sowie Literaturralleys für Schulklassen anleiten. Allerdings stelle ich bereits innerhalb der ersten Wochen fest, dass ich in diesem Praktikum stark unterfordert bin. Chef merkt sogar einmal an, dass ich zu schnell arbeite, nachdem ich alle 2.700 Werke des Kabinetts in nur zwei Tagen alphabetisch neu sortiert habe. Generell stelle ich in Prag fest, dass stressiges und schnelles Arbeiten überbewertet wird – und ich habe nichts dagegen. Mein vorangegangenes Sommersemester war sehr anspruchsvoll und anstrengend, ganz zu schweigen von meiner familiären Krise. Natürlich könnte ich Chef darauf ansprechen, dass ich mehr Arbeit möchte, aber dafür habe ich keine Energie. Also versuche ich, in erster Linie meine Ruhe in der Hängematte und das friedliche Sortieren von Büchern und Zeitungen zu genießen. 

    Selbstverständlich übernehme ich während meines Praktikums auch noch andere Aufgaben. Besonders gefällt es mir, Schulklassen anzuleiten. In der Regel kommen gymnasiale Oberstufen mit ihrem Deutschleistungskurs für die Literaturralley in das Literaturhaus. Ich begrüße sie im Kabinett, erzähle ein wenig über die Prager Literaturgeschichte und schicke die Schüler*innen dann mit einem Fragebogen in die Prager Innenstadt. Gut, vor einer Klasse zu stehen, ist für mich kein unbekanntes Terrain. Immer wenn die betreuenden Lehrkräfte erfahren, dass ich zuvor Lehramt studiert habe, wollen sie mich für ihre Schule abwerben. Ich antworte dann, dass es viele Gründe für den aktuellen Lehrkräftemangel an deutschen Schulen gibt, unter anderem der Leistungsdruck. Ich schweife ab. Von Leistungsdruck bin ich hier weiter entfernt als die 270km Entfernung Jena-Prag. Während meines Praktikums lerne ich jedoch nicht nichts. Besonders die Auseinandersetzung mit deutsch-tschechischen Autor*innen und folgend auch mit der Literatur- und Stadtgeschichte weckt großes Interesse bei mir. Zuvor war ich wie alle anderen Touristen in Prag: Ich hatte Die Verwandlung und Der Prozess von Franz Kafka in der Oberstufe gelesen. Generell ist es paradox, wie viel Geld in Prag mit Kafka gemacht wird. Hier ein Museum, dort eine Statue, da ein Souvenirladen und ein Café ... Ich frage mich, was Kafka davon gehalten hätte, dass sein Kopf täglich von hunderten Menschen fotografiert wird, während dieser sich überdimensional neben dem Quadrio-Einkaufszentrum mit McDonald’s und Costa Coffee dreht. Wie auch immer, Kafka ist tot. 

    Für alle lebenden deutsch-tschechischen Autor*innen werden vom Prager Literaturhaus regelmäßig Lesungen und Events veranstaltet. Ich unterstütze bei der Organisation der Autor*innenlesereihe Literatur unter freiem Himmel. Sie findet auschließlich auf Tschechisch im Lustschloss Portheim statt. Da mein Tschechisch sich aber hauptsächlich auf „dobrý den” und „děkuju” beschränkt, kann ich in der Vorbereitung tatsächlich nicht mehr beisteuern, als Plakate in der Druckerei abzuholen und den Veranstaltungsort zu bestuhlen. Außerdem helfe ich beim Festival Literatur im Park mit, welche bilingual auf Deutsch und Tschechisch stattfindet, mit simultaner Übersetzung.

    Während ich am letzten Morgen in Prag meine Hängematte final abbaue und alles in meinem Rucksack verstaue, denke ich über die vergangen drei Monate nach. Ich kann sagen, dass ich sowohl in meinem Praktikum als auch auf dem Campingplatz ausschließlich gastfreundlichen und sympathischen Menschen begegnet bin. Das und die Tatsache, dass „die Mutter der Städte“ – Prag – kulturell einiges zu bieten hat, ist für mich eine Bereicherung, die ich sehr zu schätzen weiß. Außerdem steht jetzt in meinem Bücherregal zu Hause unter anderem auch der Gedichtband Frühling von R. M. Rilke, Der Geier von Kafka und Schwimmen im Tintenstrom von E. E. Kisch. 

    Corinna •Cörry• Schüller

    Weitere Informationen zum Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren:

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