Ausgestreckte Hand

Textproben

Wir teilen Ausschnitte aus aktuellen Arbeiten mit Dir.
Ausgestreckte Hand
Grafik: Corinna Schüller

Textproben der Studierenden

  • Illusion – Nathalie Stenger

    Illusion

    Idyllisch, dieses
    Jena im lieblichen Tale
    Vor uns,
    Nicht?

    Schwer
    Wiegt ein Anfang,
    Auch dieser
    Wer bin ich hier?

    Vielleicht ein Perückenstrauch
    Am Wegesrand, ein Wegweiser
    Die Püschel zur Verteidigung
    Aufgesetzt und losgegangen

    Performance, bitte!
    Mein neues Ich
    Wirft sich in Schale
    Wirft sich Dir hin

    Gruß, Hand, Druck, Einsamkeit
    Magst Du mich schon?
    Du schüttelst den Kopf,
    Übung macht keinen Meister

    Als wir hinabsteigen,
    Ist es dunkel
    Der Abend schluckt mich,
    Maskenlos

    Inspiriert von der Wendung „Jena vor uns im lieblichen Tale“ aus dem Gedicht „Jena“ von Gottfried Benn aus dem Jahr 1926.

    Nathalie Stenger

  • Unausgesprochen, ungehört. – Ida Müermann

    Unausgesprochen, ungehört.

    Wenn ich meine Augen schließe, taucht dein Bild vor mir auf. Die ersten Falten beginnen, sich in deine S rn zu setzen und zwischen deinen schwarzen Haaren spielen graue Strähnen verstecken. Deine Nase und dein Lachen sind die Vorsehung für das Spiegelbild meiner Zukunft. Mein Blick findet sich in deinen Augen, wird liebevoll umarmt und sicher geborgen.

    Mutter, nimm mich bitte in den Arm.

    Meine kleinen Hände strecken sich dir hoffnungsvoll entgegen. Ich kann spüren, wie sie ergriffen werden. Du hältst mich und schützt mich und tröstest mich. Das aufgeschlagene Knie, böse Worte in meiner Kinderseele, mein verlorener Kuschelbär - ich weiß, du machst das alles wieder gut. Wenn ich bei dir bin, fühlt es sich an, als würden warme sanfte Wellen den Sturm in mir glätten.

    Du bist keine sichere Insel, du bist mein ganzer Kontinent.

    Die Jahre vergehen und der Sturm verändert sich. Das Chaos in meinem Inneren nimmt mich so ein, dass für dich kein Platz mehr ist. Wenn ich niemanden mehr brauche, dann fühle ich mich erwachsen. Manchmal schlagen die Wellen in mir so hoch, dass sie aus meinem Mund strömen. Ich spreche und spucke und schäume sie aus, unkontrollierbar. Wenige Sekunden später möchte ich sie ungehört machen, aber der Blick aus deinen Augen sagt, dass es zu spät ist. Der Graben zwischen uns wird stetig ausgehöhlt vom Fluss unserer Worte und ich habe Angst, dass er unüberwindbar bleibt.

    Mutter, nimm mich bitte in den Arm - ich sehne mich danach, diese Brücke zwischen uns zu bauen.

    Meine Hände nach dir auszustrecken und zu wissen, du wirst sie immer ergreifen. Aber

    Meine Hände sind aus deinen Händen gefallen und deine Umarmung fehlt, als hätte man ein Stück von meiner Seele gebissen. Zugleich hat sich ein neuer Untermieter mit dem unbeliebten Namen 'Stress' in meinem Leben breit gemacht. Die Zeit scheint sich zu verkürzen, dauernd fehlt sie und ich renne schon wieder um eine Ecke, um den Bus nicht zu verpassen oder schicke E-Mails hinter Abgabefristen her, während die letzte Sekunde mein neuer bester Freund geworden ist. Auf einmal bin ich jeden Morgen müde und probiere das mit dem Kaffee, obwohl mir der Zahnarzt davon abgeraten hatte. Der Kaffee schmeckt nicht mehr so bitter, wie ich es in Erinnerung habe. Oder vielleicht habe ich mich an diesen bitteren Beigeschmack im Leben gewöhnt?

    Wenn alles besonders schlimm ist und sich das Gedankenkarussell in meinem Kopf in eine Achterbahnfahrt über den Mond verwandelt hat, wünsche ich mir deine Arme herbei, damit sie mich fest und das Karussell anhalten.

    Die Jahre spielen mit deinen Haaren, sag, wie viele darin sind grau wegen mir? Ich bin aus deinen Armen in die Welt gegangen. Du bist geblieben, damit wir Heilung finden in Distanz. Unseren Graben haben wir überwunden, auch wenn zwischen uns der Kontinent steht. Am Telefon erzähle ich dir, wie mein Leben verstreicht. Meine Augen wandern manchmal über die Karte, um die Meilen zwischen uns zu überbrücken. Wenn ich dich sehen möchte, schaue ich dir im Spiegel in die Augen. Er zeigt mir deine Nase und dein Lachen vor zwanzig Jahren. Ich lege meine Hände an das kalte Glas und stelle mir vor, wie du sie nimmst. Aber der Weg ist weit und der Flug ist teuer. Die Zeit rennt und ich laufe ihr hinterher. Ich bin mitten im Leben, bis du es plötzlich nicht mehr bist.

    Heilsame Distanz? Der Weg ist zu kurz für alles, was in mir tobt. In meinem Sturm, da schreit es aus dem sinkenden Schiff: Mutter, nimm mich bitte in den Arm. Unausgesprochen, ungehört bleiben die Worte zwischen meinen Gedanken hängen. Stumm stehe ich vor dir. Nie warst du weiter entfernt als jetzt. Ich öffne die Augen und blicke auf die bunten Blumen zwischen meinen Händen. Es fühlt sich falsch an, etwas Lebendiges auf dein stilles Grab zu legen.

    Ida Müermann

  • Händchen halten im TK Maxx – Maria Schiekel

    CN: Reproduktion queerfeindlicher, rassistischer Äußerung

    Händchen halten im TK Maxx

    Als wir das erste Mal zusammen im TK Maxx sind, klaust du mir eine Duftkerze. Vor dem Regal mit den nach Farben geordneten Gläschen erkläre ich dir, dass mein Zimmer immer nach Lavendel riechen muss, weil ich sonst nicht schlafen kann. Du greifst nach einem lila Glas und wir fahren die Rolltreppe hoch zu den Klamotten. Du legst dir einen großen Hoodie, eine Felljacke und eine Jeans über den Unterarm und versteckst darunter die Kerze. Die Mitarbeiterin an den Umkleiden gibt uns ein rotes Plastikschild mit einer 3 darauf und winkt nach rechts. Die vier Wände der Kabine sind zu eng für zwei Personen, aber genau richtig für zwei Sehnsüchtige. Die Kleidung hängst du mit dem Schild an den Haken, stellst deinen Rucksack auf dem Hocker ab und die Kerze darunter. Du stehst hinter mir und ich spüre deinen Brustkorb an meinem Rücken. Im Spiegel treffe ich die Kopie deiner Augen und lege mit deinen Armen einen Gürtel um meine Taille. Du drehst mich zu dir und ich verschlucke dein Grinsen. Ich lehne am Spiegel und habe jetzt mich selbst im Rücken. Wir ziehen uns aus und probieren nichts an. Das grelle Licht in der Kabine lässt keinen Schatten auf uns fallen, es ist mir recht. Du sollst jede Pore sehen und dein Blick leckt sanft über meinen Körper. Ich bin süchtig danach, konsumiert zu werden. Ich fasse deine Haut nur mit dem Mund an und kämme deine Wimpern mit meinen. Es gibt keine scharfen Kanten an unseren Herzen oder Zähnen, die sich liebevoll in den Nacken beißen. Wir müssen unser Stöhnen flüstern, damit die Verkäufer*innen vor der Tür uns nicht hören. Unten durch den Spalt sieht man die geringfügig beschäftigten Füße hin- und herflitzen. Sie haben keine Ahnung, was hier in der Ankleide passiert. Sie wissen nicht, dass ich mit dir hier drinbleiben würde, selbst wenn die Wände auf uns zu rücken, uns ineinanderschieben und zu einem Herbarium pressen würden. Du weißt nicht, dass ich mich erst dann gänzlich frei entfalten würde. Nach dem letzten hungrigen Kuss pulst du den Sticker mit dem Barcode von der Kerze und steckst sie in deinen Rucksack. Sie gehört dir und dann mir. Wir verlassen die Umkleide und du nimmst meine Hand. Ich bin hoffnungslos romantisch und will, dass das Liebe ist. Danach gehen wir jeden Monat Händchen halten im TK Maxx.

    ––––

    In Monat acht muss ich alleine gehen. Mit der Lavendelkerze in meiner Tasche trete ich aus der automatischen Schiebetür des TK Maxx auf den Marktplatz. Die Weite erdrückt mich. Ich schleife mein wundes Herz hinter mir her, es rasselt über den Boden und bleibt an den Schuhen der wuselnden Masse hängen. Über mir der Himmel, um mich herum tausend beschäftigte Augenpaare, die nicht auf mir rasten wollen und in mir ein Loch, an dessen ausgefransten Rändern das Wachs der Lavendelkerze klebt. Spitze Schultern schieben sich an mir vorbei, der Geräuschteppich verfilzt zu einem dröhnenden Rauschen. Sven Liebich* steht wie jeden Montag auf dem Dach seines Autos und brüllt in ein Mikrofon: „Das sind Parasiten der Gesellschaft“. Er meint queere Menschen, er meint uns. Eine peinlich kleine Menschentraube steht vor ihm und jubelt. Ich weiß nicht, ob ich weine, weil mir der Menschenhass an der Seele kratzt oder weil es der erste Monat ist, in dem ich ohne dich hier stehen muss. Weil ich beim letzten Mal TK Maxx mit dir nicht wusste, dass es vier Tage später für dich nicht mehr passen würde. Dass etwas in mir nicht weich genug wäre für dich. Was genau, konntest du nicht sagen. Es war scheinbar ein Gefühl, das fehlte. Du hast mich noch einmal konsumiert und mit kaltem Entzug zurückgelassen. Mit Tränen in den Augen nähere ich mich Sven Liebich und packe meine Duftkerze aus. Ich stelle sie an sein Auto und zünde sie mit einem pinken Feuerzeug an. Vielleicht können wir beide endlich ruhig sein, wenn es nach Lavendel riecht. Er lässt sich von mir nicht irritieren und redet sich weiter in seinen Wahn. Ich fühle mich schutzlos und aufgebrochen.

    ––––

    In Monat neun gehe ich nicht mehr zu TK Maxx.

    *Sven Liebich ist in der rechtsextremen Szene in Sachsen-Anhalt, besonders in Halle, aktiv und wurde unter anderem wegen Volksverhetzung verurteilt. 2025 ließ er seinen Geschlechtseintrag ändern, was aufgrund seiner queerfeindlichen Aussagen als Provokation aufgefasst wird. Ich verwende deshalb im Text Sven Liebich.

    Maria Schiekel

  • (Alp)traum – Maria Schiekel

    (Alp)traum

    Deine Liebe eine harte,
    blaue Flecken auf der Seele.
    Meine Seele eine zarte,
    stummer Schrei in der Kehle.

    ich ertrinke in deinem Tadel,
    ich bin nie schön genug.
    Erstich mich mit einem Nagel,
    dein Beschützen ein Betrug.

    Trag mich ab, ich bin Kohle.
    Zünd mich an, ich mach dir Licht.
    Ich bin Dreck an deiner Sohle,
    unter der mein Ego bricht.

    Du ziehst mir alle Zähne,
    mein Lachen ein Gespenst.
    Am Finger eine Träne,
    die im Feuer glänzt.

    Du isst meine Zunge,
    damit ich schweigend weine.
    Keine Luft in meiner Lunge,
    zu viel Zug auf deiner Leine.

    Nur der Versuch einer Flucht,
    mein Käfig schimmert golden.
    Wie den Süchtigen die Sucht
    wirst du mich verfolgen.

    Keine Angst vor deinen Krallen
    Deine Nähe schneidet ein.
    Wenn sich deine Fäuste ballen,
    dann wein‘ ich nicht allein.

    Kein Erwachen aus dem Alptraum,
    nur ein zweisames Verrotten.
    Neben dir kein Lebensraum,
    Schmetterlinge bleiben Motten.

    Kein Erwachen aus dem Alptraum,
    weil dein Blick mein Alptraum ist.
    Strahlst giftig in den Schlafraum,
    Weil du mein Vollmond bist.

    Maria Schiekel

  • Das Seepferdchen – Corinna •Cörry• Schüller

    Das Seepferdchen

    In Rückenlage liege ich im Seewasser und lasse mich treiben. Meine Beine schweben leicht unter Wasser, taub und bewegungslos; als wären sie nicht mit dem Rest meines Körpers verbunden. Der Himmel ist hellblau. Ein paar leichten, zerrissenen Wolken, die sich kaum fortbewegen. Wenn ich tief einatme, hebt sich mein Oberkörper über die Wasseroberfläche und fühlt sich an wie eine Boje in den leichten Wellen; beim Ausatmen sinkt er langsam unter Wasser und anschließend das Gesicht ebenfalls. Ich spiele ein wenig mit meinem Atemvolumen und probiere aus, wie viel Luft ich brauche, um gerade noch so mit meinem Gesicht über der Oberfläche zu bleiben. Manchmal stelle ich mir vor, wie es ist, unterzugehen. 

    Ich fühle mich dünn und zerbrechlich. Mein Badeanzug schmiegt sich eng an meinen Körper. Mit meinen Händen streiche ich über den weichen Stoff, bis meine Fingerspitzen die Kanten der Hüftknochen erspüren. Auf der rechten Seite spüre ich den Seepferdchen-Aufnäher. Die Fäden ziehen sich dank meiner minderwertigen Nähkünste ungleichmäßig durch den dünnen Stoff und die Enden habe ich unsorgfältig abgeschnitten, sodass sie überstehen. Erst vor ein paar Tagenhatte ich den zwanzig Jahre alten Aufnäher in einer Schublade wiedergefunden und an meinen Badeanzug genäht.Vielleicht aus Nostalgie, Stolz, oder weil ich mir etwas beweisen wollte. Auf der zugehörigen Urkunde stand das Jahr 2002. 

    Es ist doch DAS Symbol für meine allgemeine Schwimmfähigkeit. Das Symbol, das allen Menschen bescheinigt, dass man nun ohne Aufsicht schwimmen darf. Das Symbol, das den Schein der Normalität wahrt: meine erste offizielle Anerkennung meiner Leistungsfähigkeit. 

    Ich atme aus und schließe die Augen. Ich sehe mich, wie ich in der Schwimmhalle stand. Der starke Chlorgeruch zog in meine Nase. Vor mir erstreckte sich das 25-Meter-Becken mit bunten Fähnchen über den Enden der Schwimmbahnen. Neben mir stand die Prüferin zur Abnahme der Wiederholungsprüfung für das Seepferdchen. Die letzte Prüfungsaufgabewar immer das Streckentauchen. Bei den letzten Versuchen hatte es nie funktioniert; hatte ich nicht funktioniert. Jedes Mal stand ich am Beckenrand und hatte Zweifel. Das Wasser war türkisblau und sah künstlich aus. Am Beckenboden erstreckten sich in regelmäßigen Abschnitten schwarze Linien. Bis zur vierten Linie sollte ich tauchen. 

    „Es ist alles nur Kopfsache“, sagte die Prüferin. „Normalerweise hat jeder genügend Luft in den Lungen, um bis dahin tauchen zu können.“ Ich versuchte ein paar Mal, normal ein- und auszuatmen. Normal, oder was auch immer das bedeuten sollte.

    Meine Füße drückten sich vom Beckenrand weg, und in der Luft streckte ich die Arme nach vorne, um mit dem Kopf zuerst einzutauchen. Mit dem Aufprall auf der Wasseroberfläche presste sich die Luft in einem Stoß aus meinem Körperheraus. Ich machte die Augen auf und das Chlor brannte in meinen Augen. Verschwommen beobachtete ich, wie die Kacheln unter mir nach hinten vorbeizogen. Meine Arme und Beine bewegten sich automatisiert, so wie ich es gelernt hatte. Mit kräftigen, aber langsamen Bewegungen schob ich mich in Bodennähe nach vorne. Je weiter unten ich blieb, desto weniger kam ich in Versuchung, aufzutauchen. Immer weiter nach vorne. Immer wieder presste ich etwas Luft aus meiner Nase und kleine Luftbläschen stiegen nach oben. Gleichzeitig merkte ich, wie die Luft in meiner Lunge immer weniger wurde. Um meinem Kopf vorzutäuschen, dass ich noch atmete, begann ich immer wieder, meinen Speichel zu schlucken. Es ist das gleiche Schlucken, wie wenn ich versuche, nicht zu weinen. Es fühlt sich erzwungen an, so, als würde man kleine Steine in die Speiseröhre nach unten drücken. 

    Trotzdem, immer weiter tauchte ich nach vorne. Mein Kopf kämpfte gegen meinen Körper und mein Körper gegen meinen Kopf. Meine Lungen schrien nach Sauerstoff, während ich das Verlangen nach Luft und die Schreie herunterschluckte und erstickte. 

    Meine Gedanken kreisten in einem Strudel: „Wenn ich zu früh auftauche, bin ich schwach, bin ich nicht normal, nicht so wie alle anderen, die alles schaffen. Was wird passieren, wenn ich nie wieder auftauche? Will ich auftauchen? Wo bin ich eigentlich? Ist die nächste Linie die dritte Linie? Oder die vierte oder fünfte? Ich muss einfach nur meinen Kopf ausschalten. Oder meinen Körper. Oder beides.“

    Von Blau zu Schwarz. 

    Corinna •Cörry• Schüller