BKMS in Jena lernen
Bosnisch / Kroatisch / Montenegrinisch / Serbisch kann man auch in Jena lernen.
Vlachische (istrorumänische) Diskussion in Šušnjevica
Foto: Andreea PascaruUnsere Exkursion begann mit dem Flug nach Rijeka, der uns unmittelbar in eine Region führte, in der sprachliche und kulturelle Vielfalt auf engem Raum sichtbar wird. Sofort begannen wir, uns unserem Schwerpunkt, den Minderheiten Istriens, zu widmen, insbesondere auf die Situation der Istrorumänen (Vlachen), deren Präsenz trotz starker Assimilationstendenzen noch in Sprache, Kultur und Alltagspraktiken spürbar ist. Zentrales Ziel der Reise waren die Dörfer Žejane (vlach. Jeiăn) und Šušnjevica (vlach. Șușńievița), in denen wir uns mit der Situation der istrischen Vlachen heute vertraut machten. Dort begegneten wir Vertreterinnen und Vertretern der Minderheit, die von ihrem Alltag, von Abwanderung und vom Ringen um den Erhalt der eigenen Sprache berichteten. Die Sprachreste stehen unter Druck der dominanten Sprachen (Kroatisch, Italienisch). In den Diskussionen mit Minderheitenvertretern ging es nicht nur um linguistische Fragen, sondern auch um rechtliche, politische und emotionale Aspekte. Das Fehlen von Schulunterricht und medialer Präsenz wird von Vereinen oder privaten Dokumentationsprojekte ein wenig ausgeglichen. In diesem Kontext wurden immer wieder historische italienische Einflüsse angesprochen, die sich sowohl in der lokalen Toponymie als auch im Wortschatz und in bestimmten kulturellen Praktiken niederschlagen.
Unterricht im Freien mitten in Roč
Foto: Andreea PascaruDie Exkursion führte uns zudem in verschiedene ländliche Siedlungen Istriens. In kleineren Dörfern, in denen die Bevölkerungszahl rückläufig ist, treten demografische Herausforderungen deutlich hervor: Überalterung, Wegzug junger Menschen und Leerstand prägen das Bild. Gleichzeitig sind diese Orte oft die letzten Bastionen für den Erhalt lokaler Dialekte und Minderheitensprachen, da hier familiäre Netzwerke und Nachbarschaftsbeziehungen noch eine wichtige Rolle spielen. Ein besonderes Erlebnis war der Besuch von Hum, das sich als kleinste Stadt der Welt präsentiert. In der steinernen Architektur, den engen Gassen und der kompakten Struktur verdichtet sich ein historisches Stadtbild, das touristisch vermarktet wird. In Roč hielten wir unsere Referate zur Geschichte und Identität der Region.
Abendessen in der Altstadt von Rijeka
Foto: Andreea PascaruNatürlich blieb auch Zeit, die Küstenlandschaft zu erleben. Der Besuch in Lovran mit der Möglichkeit zu baden, bildete einen Kontrast zu den eher analytischen Programmpunkten. Abgerundet wurde die Exkursion durch einen Besuch der Altstadt von Rijeka. Die historische Bausubstanz, die Überlagerung venezianischer, österreichisch-ungarischer und jugoslawischer Spuren sowie die Präsenz verschiedener Sprachen im öffentlichen Raum machten deutlich, wie stark Hafenstädte als Kontaktzonen fungieren. In den Straßennamen, Inschriften und im Nebeneinander von kroatischen, italienischen und anderen kulturellen Bezügen spiegeln sich genau jene Mehrschichtigkeiten wider, die wir im Kleinen bei den Minderheiten Istriens kennengelernt hatten.
Silvana Stroligo aus Novo Vas (links) mit Prof. Thede Kahl
Foto: Andreea PascaruEin weiterer wichtiger Baustein der Exkursion war der Besuch des Centar za jezična istraživanja an der Universität Rijeka. Dort erhielten wir Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte zu Minderheitensprachen, Dialekten und Sprachkontaktphänomenen in Kroatien und im weiteren südosteuropäischen Raum. Im Rahmen einer Konferenz konnten wir Vorträge hören, in denen unter anderem korpuslinguistische Methoden, Sprachdokumentation und der Einsatz digitaler Werkzeuge in der Minderheitenforschung vorgestellt wurden. Besonders wertvoll war der direkte Austausch mit Forschenden, die sich seit Jahren mit Istrien und seinen Minderheiten beschäftigen und uns methodische Zugänge wie Sprecherinterviews, teilnehmende Beobachtung und die Erhebung von Sprachdaten erläuterten. Das Centar za jezična istraživanja an der Universität Rijeka (CLARC) ist eines der führenden multidisziplinären Forschungszentren in Kroatien mit nationalen und internationalen Kooperationen aufzubauen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Förderung sprachlicher Vielfalt in Kroatien (Dialekte, Minderheiten- und gefährdete Sprachen), auf Korpuslinguistik und quantitativen Methoden sowie auf Sprachdokumentation und der Untersuchung kultureller Muster in Kommunikation (https://cji.uniri.hr/en/en/about-us/Externer Link). Bei unserem Besuch haben wir gelernt, wie das Zentrum Sprachdaten sammelt und auswertet, welche Rolle Korpora und große Sprachmodelle für aktuelle linguistische Forschung spielen und wie eng Fragen der Mehrsprachigkeit in Kroatien mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen verknüpft sind; zudem konnten wir sehen, wie internationale Projekte und Konferenzen wie CLARC konkret organisiert werden und welche Vernetzungsmöglichkeiten sich für unseren eigenen Forschungskontext eröffnen. (https://arhiva.ffri.uniri.hr/hr/centri/cji.htmlExterner Link)