Begleitprogramm: Frommannscher Skulpturen Garten 2026
Freiwilliges Studierenden-Projekt
FSG 2026 Ausstellungsbanner lucide
Foto: Wolfgang Grau
Meldung vom:
Die alljährliche Ausstellung des Frommannschen Skulpturengartens wird traditionell von einem Projekt von Studierenden begleitet. Im Rahmen des diesjährigen Projekts entstand ein Leporello, das von Niels Karsten, Loreen Kraska, Livia Stier und Nelli Wittmaier gestaltet wurde.
Mit der Konzeption und Gestaltung des Leporellos haben sich die Studierenden die Aufgabe gestellt, den Besucherinnen und Besuchern die ausgestellten Werke näherzubringen und einen orientierenden Begleiter für den Ausstellungsrundgang zu schaffen. Ergänzend dazu stehen auf dieser Website ausführliche Beschreibungen der einzelnen Arbeiten der Künstlerin Cornelia Weihes frei zur Verfügung. Über die im Leporello enthaltenen Verweise gelangen Interessierte direkt zu den weiterführenden Informationen und können die Ausstellungsstücke vertiefend kennenlernen.
ZWEI
"ZWEI" von Cornelia Weihe
Foto: Wolfgang GrauFein verwobene Stahlzweige wachsen aus dem Boden, in zwei Türme gespalten, in den
Himmel. Sie beginnen als Eins, entZWEIen sich mit ansteigender Höhe. Sie sind über den gemeinsamen Ursprung, ihre Basis, verbunden und geteilt zugleich. Die zarten
Stahlstrukturen ranken sich enger ineinander, lassen dennoch Platz für Blicke durch die
Skulptur, das Dazwischen bleibt sichtbar. Als Resultat des durchlässigen Charakters wirken Grenzen uneindeutig, je nach Blickwinkel verändern sich Form und Wahrnehmung durch Licht, Umwelt, Perspektive und Farbigkeit.
Die verzinkten Stahldrähte formen eine bis zu 2,30 Meter hohe Struktur, die sich auch in
Breite und Tiefe beträchtlich ausdehnt. Trotz dieser räumlichen Präsenz verleiht das Material dem Werk eine überraschende Leichtigkeit. Die Transparenz der Konstruktion ermöglicht es der Skulptur, ihre Umgebung unmittelbar aufzunehmen und mit ihr in Beziehung zu treten.
Nach oben hin sind beide Körper deutlich abgeschlossen. Zwar ragen einzelne Drähte über die Rundung hinaus und scheinen nach einer Fortsetzung zu verlangen, dennoch wirken die Säulen als vollendete Formen. Die offenen Enden verweisen dabei zugleich auf den Herstellungsprozess und machen sichtbar, dass die Körper gefügt und konstruiert wurden.
Die Form der verwobenen Stahlzweige eröffnet vielfältige Deutungsmöglichkeiten. Die
Teilung aus einem gemeinsamen Ursprung verleiht den beiden Säulen einen beinahe
zwillingshaften Charakter. Sie erscheinen als eigenständige Körper und zugleich als Spiegelungen oder Schatten voneinander. Ihre Beziehung ist untrennbar, ohne dass einer dem anderen untergeordnet wäre. Beide gehen aus demselben Ausgangspunkt hervor und entwickeln dennoch eine eigene Präsenz.
Der Titel ZWEI unterstreicht diesen Eindruck: Er bezeichnet nicht lediglich die Anzahl der Formen, sondern verweist auf das Spannungsverhältnis von Einheit und Trennung. Die Skulptur zeigt zwei Körper, die sich weder vollständig voneinander lösen noch zu einer einzigen Form verschmelzen. Ihre Identität entsteht gerade aus diesem Zwischenzustand. Das Werk thematisiert damit die Gleichzeitigkeit von Gemeinsamkeit und Eigenständigkeit.
Die Perspektive der Betrachtung steigert dies zur Ambivalenz: Je nach Standpunkt können die beiden Körper deutlich voneinander getrennt erscheinen, sich visuell überlagern oder sogar zu einer einzigen Form verschmelzen. Die Skulptur verändert sich somit fortlaufend im Akt der Betrachtung.
Auch das Licht trägt zu dieser Dynamik bei. Es durchdringt die offene Struktur unterschiedlich stark und hebt einzelne Streben hervor, während andere in den Hintergrund treten. Dadurch entstehen Abstufungen von Dichte und Transparenz, die das Erscheinungsbild zusätzlich verändern. In der Wahrnehmung des gesamten Werks entfaltet sich eine beinahe fließende Bewegung. Die beiden Säulen wirken in sich selbst bewegt. Ihre geschwungenen Linien verleihen ihnen eine organische Dynamik, die mit der Starrheit des Materials kontrastiert. Gemeinsam winden sich die beiden Körper nach oben und erzeugen den Eindruck eines fortwährenden Werdens. Auch hierin spiegelt sich das zentrale Motiv des Werks: das Verhältnis von Eins und Zwei, von Verbindung und Trennung, von Gemeinsamkeit und Individualität.
~ Nelli Wittmaier
CAPUT LUX I & CAPUT LUX II
"Caput Lux II" von Cornelia Weihe
Foto: Wolfgang GrauNahe dem japanischen Kirschbaum sind zwei große Metallskulpturen in Sichtweite
zueinander aufgestellt. Sie korrespondieren in ihrer schwungvollen Ausformung.
Sechs Meter lange filigrane Stahlbänder winden sich wie in einem Zug gezeichnet in über zwei Meter hohen Spiralen. Geballt umeinanderkreisend, werden sie mit ansteigender Höhe freier in ihrer Formfindung. Je nach Perspektive scheinen die Enden in die Struktur eingebunden oder lösen sich von ihr. Im Schritt um die Skulptur herum öffnen und schließen sich Verbindungen, entstehen immer neue Sichten.
Die stählerne Oberfläche fängt das Licht ein und strahlt weiß auf das umliegende Geschehen. Über diese Lichtreflexionen wird die umgebende Natur eingebunden, Denselben Effekt erzeugen die Leerstellen der offenen schwungvollen Struktur auf skulpturale Weise: kleine Fenster geben sich stetig wandelnde Ausblicke auf die Umwelt frei. Dies verleiht der Skulptur CAPUT LUX I einen transparenten, von Leichtigkeit geprägten Charakter, der mit schweren Werkstoff Stahl kontrastiert.
CAPUT LUX II ist ihr farbintensives Gegenstück. Farbübergänge wie Pink zu Gelb lassen diese Skulptur fluider wirken als ihr Pendant. Die wechselnden Lichtverhältnisse eines Tages verändern den Blick auf das Werk. Volle Strahlung bringt seine Farbigkeit zum Leuchten, im Schatten hingegen scheint die Farbe beinahe zu verschwinden. Auf beiden Skulpturen zeichnen sich Blätter und Geast der umstehenden Baume ab und die Sonne malt Schattenbänder in die Stahlstruktur hinein. Die Wirkung changiert je nach Tageszyklus und Perspektive, sodass die Skulpturen nahezu nie gleich betrachtet werden können.
~ Livia Stier
SOLITUDE & KUMULUS
"Solitude" von Cornelia Weihe
Foto: Wolfgang GrauSOLITUDE und KUMULUS bestehen aus polierten Edelstahlellipsen, deren Anordnung
zugleich Volumen erzeugt und Freiräume offenlässt. Die glänzenden Oberflächen fangen
Licht, Farben und Bewegungen ihrer Umgebung ein und verteilen sie in den Raum. Jedoch sind die Scheiben so grob poliert, dass Spuren der Polierscheiben das Metall nicht einfach spiegeln lassen, sondern beinahe einen malerischen Charakter bekommen.
Trotz ihrer materiellen und formalen Verwandtschaft konnten die beiden Arbeiten
unterschiedlicher kaum erscheinen. Während SOLITUDE als schlanke, vertikale Figur den Blick nach oben lenkt und mit ihrer Höhe die Statik des Materials herausfordert, breitet sich KUMULUS nah am Boden aus. Die eine erhebt sich wie ein Zeichen im Raum, die andere verdichtet sich zu einer wolkenartigen Form, die zum Umkreisen und beinahe auch zum Betreten einlädt. Beide Arbeiten leben dabei vom Spannungsverhältnis zwischen Masse und Leerraum: Die Edelstahlscheiben bilden einerseits ein korperhaftes Volumen, lassen andererseits den Raum durch sich hindurchfließen.
Entstanden sind die Werke nicht als geplantes Paar. KUMULUS entwickelte sich vielmehr aus den materiellen und formalen Überresten von SOLITUDE. Aus einer praktischen Frage - was mit verbliebenen Elementen geschehen könnte - entstand eine eigenständige Arbeit. Dieser offene Umgang mit dem Material verweist auf einen wesentlichen Aspekt des künstlerischen Prozesses: Skulpturen bleiben für die Künstlerin Cornelia Weihe veränderbar. Formen werden erweitert, umgebaut, zerstört und neu zusammengesetzt. Nicht selten erschließt sich ihre endgültige Gestalt erst im Nachhinein.
Auch der Zufall spielt dabei eine Rolle. So erhielt KUMULUS seine heutige Ausdehnung unter anderem auch durch ein unerwartetes Ereignis. Nachdem die Arbeit bei einem Sturm umgefallen war, wurde sie von der Künstlerin überarbeitet und gewann gerade durch diese Veränderung an räumlicher Präsenz. Solche Eingriffe machen sichtbar, dass die Skulpturen nicht als abgeschlossene Objekte verstanden werden, sondern als Ergebnisse eines fortlaufenden Dialogs zwischen Idee, Material und Erfahrung.
SOLITUDE und KUMULUS sind die einzigen Vertreter dieses spezifischen Skulpturentyps im Œuvre Cornelia Weihes. Gemeinsam zeigen sie zwei gegensätzliche Möglichkeiten, mit denselben konstruktiven Mitteln Raum zu gestalten, als aufstrebende, konzentrierte Vertikale und als ausgreifende, verdichtete Horizontale.
~ Niels Karsten
Ferne
"Ferne" von Cornelia Weihe
Foto: Wolfgang GrauAuf einem Modellierblock liegt eine Masse aus Aluminiumguss. Darin zeichnet sich ein
liegendes Gesicht ab, das dem Betrachter unmittelbar entgegenblickt. Etwas oberhalb schwebt ein Paar Füße, die auf Höhe der Knöchel abrupt enden. Die Platzierung der Form auf dem Modellierblock evoziert einen Zustand der Unfertigkeit und erweckt den Eindruck, als könne die Skulptur noch verändert oder weiterbearbeitet werden. Das Werk befindet sich scheinbar in einem Zwischenzustand zwischen Entstehung und Vollendung, jedoch ist diese Form für die Künstlerin endgültig.
Als Inspirationsquelle für das irritierende Motiv diente der Künstlerin die mittelalterliche
Figur der Sichelmondmadonna. Dabei handelt es sich um einen Typus der Marien-
Darstellung, bei dem Maria auf einem quer liegenden Sichelmond steht. In einigen
historischen Beispielen tritt die Madonna zudem auf einen menschlichen Kopf, der für das Böse steht. Die Skulptur FERNE lässt die Unterkonstruktion dieses Darstellungstypus sichtbar werden. Sie übernimmt nicht den Sichelmond selbst, jedoch das Motiv des gefangenen Hauptes.
Der Typus der Sichelmondmadonna vereint gegensätzliche Eigenschaften. Einerseits verkörpert er Anmut, Reinheit und Sanftheit, andererseits verweist er auf Unterwerfung, Macht und Gewalt. Diese Ambivalenz greift das Werk FERNE auf. Es zeigt, dass äußere Schönheit und Gewalt nebeneinander bestehen können, ohne sich gegenseitig aufzuheben. Beide erscheinen als untrennbare Bestandteile menschlicher und kultureller Erfahrung.
Auch die Materialwahl unterstützt diese Lesart. Das helle Aluminium lässt sich als Verweis auf die Lichthaltigkeit und das Strahlen deuten, die traditionell mit Marienfiguren verbunden werden. Gleichzeitig verleiht das Material der massiven Form eine überraschende visuelle Leichtigkeit. Die Skulptur bewegt sich dadurch zwischen Schwere und Leuchtkraft - ein weiterer Ausdruck ihrer grundsätzlichen Ambivalenz.
Die scheinbar formlose Gestalt des Aluminiumgusses, die im Entstehungsprozess zunächst in Gips modelliert wurde, bleibt bewusst offen und lässt Raum für unterschiedliche Deutungen. An dieser Stelle gewinnt auch der Titel FERNE besondere Bedeutung. Er verweist nicht nur auf eine räumliche Distanz zwischen Werk und Betrachtenden, sondern auch auf eine interpretative Distanz. Das Werk entzieht sich einer eindeutigen Lesart und bleibt in gewisser Weise unerreichbar.
Darüber hinaus beeinflusst die Distanz der Betrachtung die Wahrnehmung der Skulptur selbst. Nur aus einer bestimmten Entfernung tritt das Gesicht zwischen den Ausformungen deutlich hervor. Aus größerer oder geringerer Distanz ist hingegen lediglich eine grobe, amorphe Masse erkennbar. Die „Ferne“ wird somit zu einer Bedingung des Sehens: Sie entscheidet darüber, welche Aspekte des Werks sichtbar werden und welche verborgen bleiben. Der Titel beschreibt daher nicht nur einen räumlichen Zustand, sondern auch den Prozess der Wahrnehmung und Erkenntnis.
~ Nelli Wittmaier
Kopf
"Kopf" von Cornelia Weihe
Foto: Wolfgang GrauDer überlebensgroße Kopf aus Eisen gehört zu den frühen Arbeiten der Künstlerin und
entstand aus einer intuitiven Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen des Materials. Im Gegensatz zu Weihes späteren, stärker modellierten oder gegossenen Werken wurde die Skulptur KOPF in einem aufwendigen handwerklichen Prozess entwickelt: Zunächst entstand ein raumliches Drahtgerust, das der Orientierung und Formfindung diente. Anschließend wurden einzelne Bleche geformt und Stück für Stück zu einem geschlossenen Volumen verschweißt.
Die Wahl des Materials prägt die Wirkung der Arbeit entscheidend. Das Eisen verleiht dem Kopf eine ausgeprägte Massivität und Schwere, die bewusst als Gegenpol zu Vorstellungen von Leichtigkeit oder Offenheit der anderen Werke der Ausstellung eingesetzt wird. Die kompakte Form wirkt in sich ruhend, beinahe verschlossen, und vermittelt den Eindruck eines Rückzugs nach innen. In dieser Hinsicht kann die Skulptur als eine Auseinandersetzung mit Zuständen des Bei-sich-Seins und der Abgrenzung gegenüber der Außenwelt verstanden werden. Eine weitere Möglichkeit ist es, den Titel der Ausstellung lucide anders als bei den anderen Exponaten weniger auf die Form des Werks zu beziehen, als vielmehr inhaltlich zu deuten: Die ruhende Geschlossenheit der Augenlieder des Kopfes erinnern an Schlafen und Träumen. Möglicherweise träumt der KOPF in einem luziden Traum die anderen Werke der Ausstellung.
Interessant ist dabei das Spannungsverhältnis zwischen Figuration und Abstraktion. Obwohl die Arbeit eindeutig als menschlicher Kopf erkennbar ist, erschöpft sie sich nicht in einer bloßen Abbildung. Ihre Gestalt ist wesentlich auch durch die Schweißnähte und die rostige Oberfläche bestimmt. Das verwendete Blech war ursprünglich nicht rostig. Erst im Laufe der Jahre entwickelte sich durch Witterungseinflüsse eine rostfarbene Patina, insbesondere während eines längeren Aufenthalts an der salzhaltigen Luft der ostfriesischen Nordseeküste. Die Korrosion wurde nicht als Schaden verstanden, sondern als Teil des künstlerischen Prozesses mitgedacht. Die Oberfläche dokumentiert damit die Zeitlichkeit des Materials und macht Veränderung sichtbar.
~ Niels Karsten
Lektoriert wurden alle Texte von Prof. Dr. Verena Krieger.