Meldung vom: | Verfasser/in: Stephan Laudien
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Wie entstehen Vorstellungen über andere Länder und Kulturen – und welche Rolle spielen Film und Literatur dabei? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Studierende aus Deutschland und Chile im binationalen Online-Kurs »Estereotipos en la literatura y el cine. El caso de Chile y Alemania / Stereotypen in Literatur und Film. Der Fall Chile und Deutschland«, der 2024 gemeinsam von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universidad de Chile angeboten wurde. Darin ging es um den Vergleich gegenseitiger Wahrnehmungen: Wie stellen sich Studierende aus Deutschland das Leben und die Menschen in Chile vor – und umgekehrt? Welche Bilder werden durch Literatur und audiovisuelle Medien vermittelt und verfestigt? Antworten auf diese Fragen haben die Teilnehmer des Kurses jetzt in der internationalen Fachzeitschrift »Comunicación y Medios« veröffentlicht..
Ein binationales Lehrprojekt mit Forschungsanspruch
Im Mittelpunkt des Kurses stand der Vergleich gegenseitiger Wahrnehmungen: Wie stellen sich Studierende aus Deutschland das Leben und die Menschen in Chile vor – und umgekehrt? Welche Bilder werden durch Literatur und audiovisuelle Medien vermittelt und verfestigt? Diese Fragen bildeten die Grundlage für eine gemeinsame wissenschaftliche Analyse, deren Ergebnisse zum Jahresende in der internationalen Fachzeitschrift »Comunicación y Medios« veröffentlicht wurden.
Zwei Fernsehfilme, ein wiederkehrendes Bild
»Deutsche Fernsehfilme, die in Chile spielen, zeigen kein realistisches Bild des Landes«, erklärt Jorge Peña, Dozent des Kurses vom Institut für Romanistik der Universität Jena und Mitautor der Studie. »Stattdessen bedienen sie sich bekannter Klischees aus dem klassischen Hollywood-Kino – etwa des leidenschaftlichen Latino oder des mächtigen Großgrundbesitzers.« Diese Stereotype würden zusätzlich durch filmische Mittel wie einen gelblichen Farbfilter verstärkt, der Chile fremd, gefährlich und exotisch erscheinen lasse.
Untersucht haben die Studierenden zwei fiktionale Produktionen des öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehens: »Mein Herz in Chile« (2008) und »Die Briefe meiner Mutter« (2014). Beide Filme wurden vor Ort in Chile gedreht. Ziel der Analyse war es zu untersuchen, welches Bild des Landes die Filme dem deutschen Fernsehpublikum vermitteln.
Exotik statt Realität
Mithilfe film- und textanalytischer Methoden sowie imagologischer und postkolonialer Ansätze zeigen die Autoren, dass Chile in beiden Produktionen weniger als realer Ort erscheint, sondern vielmehr als Projektionsfläche für stereotype Vorstellungen. Trotz des zeitlichen Abstands zwischen den Filmen greifen sie auf vergleichbare Erzählmuster und Bildwelten zurück. Chile wird dabei durchgehend als kulturell »anderer« Raum konstruiert – geprägt von Emotionalität, Unsicherheit und Exotik.
Ein hierarchisches Weltbild
Die melodramatischen Erzählungen der Filme sind laut Studie von einer klaren Hierarchie geprägt: Deutsche Figuren erscheinen als rational, modern und zivilisiert, während Chile als rückständig und emotional inszeniert wird. Diese Bildsprache erinnert in ihrer Struktur an klassische Propagandafilme, in denen eine vermeintlich überlegene Kultur mit einer feindseligen Umgebung konfrontiert ist. Deutschland positioniert sich so an der Spitze der modernen Zivilisation, Chile hingegen als peripherer Raum. Zugleich halten die Produktionen an einem veralteten Bild des Landes fest, das bereits aus früheren Filmen wie »Das Geisterhaus« bekannt ist. Dessen visuelle und narrative Symbole werden nahezu unverändert übernommen, ohne das Chile-Bild zu aktualisieren. Die Filme zeigen damit kein gegenwärtiges Land, sondern nutzen Chile vor allem als emotionale Kulisse für deutsche Geschichten.
Originalpublikation:
Peña, J., u. Gonzáles, P. (2025): „Entre la memoria el exotismo: Chile y Alemania en el espejo televisivo alemán. In »Comunicación y Medios« 34 (52), 93-106. https://doi.org/10.5354/0719-1529.2025.78702