Ukrainischer Chor "Ensemble Mrija"

Eine musikalische Reise durch die ukrainische Geschichte mit dem Ensemble Mrija

Das Ensemble Mrija (ukr. „Traum“)

Foto: Mrija

Das Ensemble Mrija (ukr. „Traum“) wurde 2023 in Jena gegründet. Engagierte Ukrainerinnen möchten damit ihre Kultur als lebendigen Teil der Jenaer Gesellschaft sichtbar und hörbar machen. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen verbindet im Ensemble die Liebe zur Ukraine und zur Musik. Zugleich zeigt Mrija durch seine Präsenz, dass die ukrainische Gemeinschaft in Jena aktiv ist und das kulturelle Leben mitgestaltet. Das vielseitige Repertoire spiegelt verschiedene Facetten der ukrainischen Musikkultur wider und wird seit 2023 unter anderem auf dem Weihnachtsmarkt und bei der Fête de la Musique präsentiert. Besonders freut sich das Ensemble über deutsche Mitwirkende, die den Gesang und die musikalische Begleitung unterstützen und sich dabei auf eine für sie neue Musikkultur einlassen.

Die musikalische Reise beginnt bei den alten Ritual- und Volksliedern, die seit Jahrhunderten den Rhythmus des Lebens begleiten: Frühling und Ernte, Winter- und Neujahrsbräuche, Liebe, Hochzeit und Abschied. Lieder wie „Oj, jak sche bulo“, „Zapletu winotschok“ oder „Marena“ tragen Spuren dieser alten Welt bis in unsere Gegenwart.

Seit dem späten 16. Jahrhundert entwickelte sich die professionelle ukrainische Musikkultur des Barock. Charakteristisch war der mehrstimmige Partes-Gesang für Chor a cappella, bei dem jede Stimme als eigene „Partie“ geführt wurde und sich ostkirchliche Traditionen mit westeuropäischer Polyphonie verbanden. Daneben entstand der häufig dreistimmige Kant mit geistlichen, lyrischen, feierlichen oder auch humoristischen Inhalten. In unserem Konzert erinnert „Schtschyhol tuhu maje“ an diese Klangwelt.

Im 19. Jahrhundert wurde die ukrainische Sprache immer stärker zu einem Ort kultureller Erinnerung und Selbstvergewisserung. Eine ihrer bis heute bedeutendsten Stimmen war Taras Schewtschenko. In seinem Gedicht „Dumy moji, dumy moji“ von 1840 schickt er seine Gedanken und Lieder in die Ukraine – dorthin, wo Sprache, Landschaft und Erinnerung ihre Heimat haben. Diese Sehnsucht ist bis heute unmittelbar verständlich.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts schufen Komponisten wie Mykola Lysenko, Mykola Leontowytsch, Kyrylo Stezenko und Jakiw Stepowyj aus der reichen Volksliedtradition eine neue ukrainische Kunstmusik. Besonders schön lässt sich diese Verbindung in Leontowytschs „Schtschedryk“ hören: Ein altes ukrainisches Rituallied wurde durch seine kunstvolle Chorbearbeitung später weltweit bekannt. Weniger bekannt, aber ebenso eindrucksvoll ist „Oj sywaja zozulenka“ („Oh, grauer Kuckuck“). Hier lässt Leontowytsch den Ruf des Kuckucks zwischen den Stimmen aufscheinen – fast wie ein Echo aus der Natur.

Mit „Namaliuj meni nitsch“ von Myroslaw Skoryk und „Kochanyj“ von Ihor Poklad gelangen wir in die ukrainische Estrada der 1960er- und 1970er-Jahre. Trotz der sowjetischen Russifizierungspolitik und der Einschränkungen der ukrainischen Sprache erlebte die ukrainische Popmusik damals einen bemerkenswerten Aufschwung. Lyrische Melodik verband sich mit Jazz-, Beat- und Pop-Einflüssen zu einer eigenständigen, modernen Klangwelt – Ausdruck einer kulturell lebendigen und weltoffenen Ukraine.

Heute bekommt diese Musik für uns noch eine weitere Bedeutung. Jahrhundertelang wurde versucht, ukrainische Sprache und Kultur einzuschränken, zu verdrängen oder zum Schweigen zu bringen. Doch Kultur lebt dort weiter, wo Menschen sie bewahren, teilen und neu gestalten. Gerade in einer Zeit, in der in der Ukraine Krieg herrscht, sind diese Lieder für uns eine Verbindung zur Heimat, lebendige Erinnerung und zugleich eine Quelle der Kraft.

Wir sind heute aber vor allem hier, um unsere Kultur mit Ihnen zu teilen – so, wie wir sie selbst erleben: vielfältig, lebendig, zärtlich, humorvoll, modern und voller Geschichte. Trotz Schmerz, Verlust und Sehnsucht kommen wir zusammen und bringen unsere Stimmen hierher.

Die Lieder erzählen unterschiedliche Geschichten, doch sie sind von derselben Haltung getragen: Erinnerung bewahren, Schönheit teilen und gemeinsam weitergehen. Möge dieser Abend uns daran erinnern, dass Begegnung Verständnis schafft – und dass aus vielen unterschiedlichen Stimmen etwas Gemeinsames entstehen kann.