Melanie Weirich ist Heisenberg-Professorin für Sprechwissenschaft und Phonetik.

Die Rätsel des Sprechens entschlüsseln

Melanie Weirich ist Heisenberg-Professorin für Sprechwissenschaft und Phonetik
Melanie Weirich ist Heisenberg-Professorin für Sprechwissenschaft und Phonetik.
Foto: Anne Günther (Universität Jena)

Meldung vom: | Verfasser/in: Stephan Laudien | Zur Original-Meldung

Sprechen Frauen tatsächlich schneller als Männer? Ändert sich unsere Sprechweise in Abhängigkeit von der Sprechsituation, vom jeweiligen Gegenüber? Welche Register ziehen wir beim Sprechen mit einem Kollegen? Welche mit einer Vorgesetzten? Es sind Fragen wie diese, die Prof. Dr. Melanie Weirich faszinieren. Die 42-jährige Wissen­schaftlerin hat eine Heisenberg-Professur für Sprechwissenschaft und Phonetik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne, die fünf Jahre von der Deutschen Forschungsge­meinschaft (DFG) gefördert wird.

Eine tiefe Stimmlage strahlt Kompetenz aus

Unsere Stimmlage variiert je nach Situation und das nehmen die Hörer auch wahr“, sagt Melanie Weirich. So sei es ein großer Unterschied, ob wir gutgelaunt mit unserem Gegenüber flirten oder innerlich angespannt ein Bewerbungsgespräch führen. Als Phonetikerin möchte Prof. Weirich herausfinden, welche sprachlichen Variationen es gibt und welche Gründe diese Variationen haben. Grundlegend, so Weirich, gebe es biologische und soziale Gründe, die sich auf unsere Sprechweise auswirken. So sei beispielsweise das Längenverhältnis von Rachenraum und Mundraum bei Frauen anders als bei Männern. Spannender seien jedoch allemal die kulturellen Unterschiede, die den Forschenden viel über Rollenbilder und Kli­schees verraten. „Spricht ein Mann mit tiefer Stimme, wird er als attraktiv und kompetent wahrgenommen“, sagt Prof. Weirich. Frauen hingegen gewinnen mit einer hohen Stimme an Attraktivität, steigern aber vermeintlich ihre Kompetenz, wenn sie mit einer tieferen Stimme sprechen. In Schweden, wo die Geschlechterrollen deutlich stärker aufgeweicht sind als in Deutschland, zeigen auch stimmliche und sprecherische Parameter eine Annäherung der Geschlechter, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Sprache im sozialen Kontext verstehen

Wichtig ist Weirich, neben biologischen auch soziale bzw. identitätsbasierte Gründe für sprecherspezifische Variabilität in den Fokus zu rücken und Sprache im Licht verschie­denster Bereiche wie Gesellschaft, Kultur und Psychologie zu verstehen, zu lehren und zu erforschen. Ihre Forschung innerhalb der Heisenbergprofessur beschäftigt sich daher mit dem Zusammenspiel von sozialen und biologischen Faktoren hinsichtlich geschlechts­spe­zifischer phonetischer Parameter: Zum einen beleuchtet sie den Einfluss von Hormonen (wie Testosteron und Östrogen), zum anderen Umweltfaktoren wie das berufliche Umfeld (z. B. Handwerkerinnen vs. Erzieherinnen). Für ihre Forschungen möchte Melanie Weirich mehr auf die Straße gehen, im Wortsinn. Gern würde sie mit ihrem Team untersuchen, welche Sprech­muster in Berufsfeldern zu finden sind, die von einer Geschlechtergruppe dominiert werden. „Es gibt nur ein Problem: Wir haben schlicht nicht genügend Handwerkerinnen gefunden“, sagt Melanie Weirich. Aktuell sieht es aber danach aus, für die Studie Polizistinnen und Sol­da­tinnen gewinnen zu können.

Kiezdeutsch als coole Sprache oder schlechtes Deutsch

In einer Studie am Leibniz-Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) in Berlin haben Melanie Weirich und ihre Kollegin Dr. Stefanie Jannedy das sogenannte Kiezdeutsch unter­sucht. Dieser Soziolekt wird vornehmlich in multi-lingualen und multi-ethnischen Vierteln Berlins (z. B. Kreuzberg) gesprochen. „Kiezdeutsch gilt als cool, weshalb es auch andere Jugendliche sprechen“, sagt Prof. Weirich. Außenstehende Hörerinnen und Hörer lassen hin­gegen bei der Bewertung dieser Sprachform deutlich andere Werturteile erkennen, es wird als „schlechtes Deutsch“ wahrgenommen. Interessanterweise spielt bei der Bewertung einer nicht-standardnahen Aussprache die angenommene Herkunft der Sprecher eine Rolle: Die Aussprache eines „ch“ wie in Löcher als „sch“ wie in Löscher wird negativer bewertet, wenn die Hörer glauben, sie kommt von einem Kiezdeutschsprecher statt von einem Franzosen, der mit Akzent Deutsch spricht. Dies fand sich allerdings nur bei älteren Hörern, bei jüngeren spielte die vermeintliche Herkunft keine Rolle. Das Prestige einer Varietät ist somit stark mit dem Ansehen der Sprechergruppen verbunden und unterscheidet sich zwischen Hörern je nach deren Assoziationen, Erwartungen und auch Stereotypen.

Melanie Weirich stammt aus Trier. In ihrer Heimatstadt hat sie Phonetik, Psychologie und Germanistische Literaturwissenschaft studiert. Ein weiterer Studienort war die „Mittuniver­sitetet“ im schwedischen Östersund. 2007 arbeitete sie als Dozentin für Deutsch als Fremd­sprache an der TU Dresden und der Volkshochschule. Für ihre Promotion 2008 bis 2011 erforschte sie an der Humboldt-Universität Berlin den Einfluss biologischer und sozialer Faktoren auf sprecherspezifische Unterschiede bei ein- und zweieiigen Zwillingspaaren. Im Anschluss daran arbeitete Melanie Weirich in einem DFG-Projekt zu akustischen und artikula­torischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern und leitete danach ihr eigenes Projekt zum Einfluss der Elternrolle auf das Sprechen an der Universität Jena. Zuletzt war sie im Projekt „Variation in Situated Interaction“ am ZAS tätig. 

Kontakt:

Professur für Sprechwissenschaft
Melanie Weirich, Prof. Dr.
Raum 102 A
Fürstengraben 30
07743 Jena