Klassiker in der Gegenwart in Polen und Deutschland. Literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven auf ein ästhetisches und gesellschaftliches Phänomen
Eine Tagung der Universitäten Jena (D) und Wroclaw (PL) (12.-14. Mai 2016, Wroclaw)
Die großen, kanonisch gewordenen Nationalklassiker prägen bis heute das nationale Selbstverständnis, werden in Krisenzeiten als Orientierungsgrößen angeführt und in Jubiläen publikumswirksam inszeniert. Sie sind im kulturellen Transfer zu Flaggschiffen ihrer Nationen geworden, repräsentieren die jeweilige Kultur und dominieren manchmal ihr Bild. Sie werden in breiten Gesellschaftsschichten rezipiert, über unterschiedliche kulturelle Räume, Milieus und historische Kontexte hinweg institutionalisiert, medialisiert und dabei jeweils unterschiedlich funktionalisiert. Als kulturelle ‚Ikonen‘ werden sie nahezu universell anerkannt, besitzen zugleich in unterschiedlichen Zusammenhängen konkrete, differierende Funktionen.
Gleichzeitig erleben wir in gegenwärtigen Gesellschaften eine stetig zunehmende Pluralisierung, wir sprechen von einem postnationalen Zeitalter und Globalisierung, entwickeln Konzepte wie „Worldliterature“ oder „World Cinema“ oder „entdecken“ die postkoloniale Kultur und ihre Klassiker. Die Hegemonie des westlichen Kulturkanons gerät in die Kritik, in deren Folge eine Vielzahl an Klassikern sichtbar wird, die ihre Geltung in kleineren Rahmen behaupten. Literatur, Mode, Design, Film, Musik oder bildende Künste haben ihre Klassiker: Werke, Künstler, Autoren, Denker, die für das jeweilige Kultur-Feld oder soziale Milieu Bezugsgrößen geworden sind. Werden die großen, universellen Klassiker brüchig, wenn sie ihren alleinigen Geltungsanspruch verlieren, oder wird in der Vielzahl gerade der gesellschaftliche Bedarf nach Klassikern sichtbar?
In einzelnen Fallstudien ist der Frage nachzugehen, wie Klassiker in einem Spannungsfeld aus breiter, konsensueller Anerkennung und einem damit verbundenen allgemeinen Geltungsanspruch einerseits und partikularen Funktionen für einzelne Zielgruppen und in unterschiedlichen soziohistorischen Kontexten andererseits verortet werden können.
Von besonderem Interesse ist die Zäsur 1989, weil sich im Zuge der politischen und kulturellen Neuordnung auch eine Neuformierung des Klassikerkanons, eine Emergenz neuer Klassiker sowie veränderte Ansprüche an die Funktionalität von Klassikern beobachten lassen. Diese Veränderungen gilt es in einer dezidiert komparatistischen Perspektive innerhalb der deutschen und polnischen Kultur nachzuvollziehen.
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