Wer spricht schneller? Männer oder Frauen?

Obwohl die Antwort auf diese Frage meist mit FRAUEN! beantwortet wird, zeigen empirische Studien das Gegenteil: In verschiedensten Sprachen wurden kürzere Lautdauern und schnellere Sprechgeschwindigkeiten bei MÄNNERN gefunden.

Eine mögliche Ursache für die weitverbreitete Meinung der schneller sprechenden Frau könnte der Einfluss der Größe des abgesteckten akustischen Raumes innerhalb einer Äußerung auf das wahrgenommene Tempo sein. Frauen sprechen nicht schneller als Männer - sie klingen nur so!

Hintergrund:

Frauen weisen einen größeren akustischen Vokalraum als Männer auf. Die Argumentation für einen Zusammenhang von wahrgenommenem Sprechtempo und akustischem Vokalraum ist folgende: Ein Signal mit starker f0-Bewegung wird als länger dauernd wahrgenommen als das gleiche Signal mit monotonem f0-Verlauf. Wenn eine Bewegung im f0-Verlauf Einfluss auf das wahrgenommene Sprechtempo hat, dann könnte dies auch für die Bewegung der Formantwerte über die Zeit gelten.

Anders gesagt: wenn Sprecher A seinen großen akustischen Vokalraum in der gleichen Zeit durchwandert wie Sprecher B seinen kleinen akustischen Vokalraum, dann könnte dies die Wahrnehmung einer schnelleren Sprechgeschwindigkeit von Sprecher A auslösen. Der Eindruck der schneller sprechenden Frau könnte also mit dem durchschnittlich größeren Vokalraum der Frau zusammenhängen.

Experiment:

Methode: Zur Untersuchung dieses Zusammenhangs wurden 2 Perzeptionstests durchgeführt (mit 20 weiblichen und 20 männlichen Sprechern). Für beide Stimulisets getrennt (m, f) wurde der Satz „Wie lang hat es denn gedauert“ auf unterschiedliche Weise manipuliert und angeglichen. Die fertigen Stimuli variierten in der Vokalraumgröße aber nicht im Sprechtempo (und auch nicht in der Grundfrequenz oder Lautstärke).

 

Zusammenhang von Sprechtempowahrnehmung und Vokalraumgröße Zusammenhang von Sprechtempowahrnehmung und Vokalraumgröße Foto: aus Weirich & Simpson 2014, JPhon

Ergebnisse: In den Hörexperimenten wurde immer das Tempo des zweiten Sprechers im Vergleich zum ersten Sprecher auf einer Skala von -3 (viel langsamer) bis +3 (viel schneller) beurteilt. Die Abbildung (rechts) zeigt die Ergebnisse des untersuchten Zusammenhangs von wahrgenommenem Sprechtempo und durchwanderter Vokalraumgröße der weiblichen Stimuli. Jeder Punkt zeigt die über alle Hörer gemittelten Werte eines Stimulipaares: das wahrgenommene Sprechtempo des zweiten Sprechers (im Vergleich zum ersten, y-Achse) in Abhängigkeit der Differenz in der Vokalraumgröße der Sprecher (Sprecher 2 - Sprecher 1, x-Achse).

Es konnte eine signifikante positive Korrelation festgestellte werden (rho = .31 p < .001): je größer der Vokalraum des 2. Sprechers war (hohe positive Werte auf der x-Achse) desto schneller wurde sein Sprechtempo beurteilt (hohe positive Werte auf der y-Achse). Auch bei den männlichen Stimuli ergab sich eine signifikante aber geringere Korrelation (rho =.16,  p< .001). Die geringere Höhe der Korrelation ist durch eine geringere Varianz in der Vokalraumgröße der männlichen Stimuli zu erklären.

Fazit: Frauen werden als schneller sprechend eingeschätzt, weil ihr größerer akustischer Vokalraum ein schnelleres wahrgenommenes Sprechtempo zur Folge hat!

 

Referenz:

Weirich, M. & Simpson, A. (2014) Differences in acoustic vowel space and the perception of speech tempo. Journal of Phonetics 43.1-10. [link]

 

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