Undershoot bei Frauen und Männern

Hintergrund:

"Undershoot" bezeichnet ein Phänomen, bei dem der Sprecher/die Sprecherin das artikulatorische Ziel nicht erreicht, sondern unterschießt, d.h. die Zunge bewegt sich im Mundraum nicht ganz so weit, wie sie es könnte und wie sie es in einer deutlichen Sprechweise tun würde. Dies passiert z.B. aufgrund eines schnelleren Sprechtempos oder in unbetonten, nicht akzentuierten Positionen. Es gibt individuelle Unterschiede in der artikulatorischen Realisierung von unterschiedlichen Akzentbedingungen (und damit auch im Undershoot) - in dieser Studie untersuchen wir den Einfluss des Faktors Geschlecht. Unsere Hypothese ist, das Männer verstärkt Undershoot zeigen, da sie einen größeren artikulatorischen Raum aufweisen, welchen sie aber nicht voll ausnutzen.

Experiment:

Die Ausprägung von Undershoot wird bei 11 deutschen Sprechern (davon 6 Frauen) untersucht. Dies geschieht durch die Analyse der artikulatorischen Realisierung von Diphthongen in verschiedenen Akzentbedingungen. Außerdem wird für jeden Sprecher und jede Sprecherin seine/ihre realisierte Artikulation in Bezug zu seinem/ihrem individuellen maximalen artikulatorischen Raum gesetzt. Die untere Abbildung veranschaulicht dies anhand eines Sprechers (links) und einer Sprecherin (rechts). Während die roten Punkte den maximalen artikulatorischen Raum des Zungenrückens zeigen, visualisieren die schwarzen Kreuze und die grauen Punkte die Positionen des Zungenrückens der Sequenz /gV/ (/g/ = Kreuze, o = verschiedene Vokale). Es ist klar zu erkennen, dass die weibliche Sprecherin (F1) ihren maximalen artikulatorischen Raum ganz ausnutzt, während der männliche Sprecher (M1) dies für die tiefen und hinteren Vokale nicht macht.

 

Zungenpositionen im zweidimensionalen Raum eines Sprechers und einer Sprecherin Zungenpositionen im zweidimensionalen Raum eines Sprechers und einer Sprecherin Foto: Melanie Weirich

Es wurden sprecherspezifische und geschlechtsspezifische Unterschiede sowohl in der Ausprägung des Undershoots als auch in der Beziehung zwischen artikulatorischer Geste und akustischem Output gefunden. Männer zeigten mehr Undershoot als Frauen in Artikulation und Akustik. Wenn man für den individuellen maximalen artikulatorischen Raum normalisiert, zeigen Frauen größere Bewegungen des Zungenrückens als Männer.

Fazit: Frauen haben einen größeren akustischen Vokalraum trotz eines kleineren artiklatorischen Raumes, weil sie weniger Undershoot zeigen als Männer.

 

Referenz:

Weirich, M. & Simpson, A. (2018) Individual differences in acoustic and articulatory undershoot in a German diphthong - variation between male and female speakers. Journal of Phonetics 71, 35-50. link zum Artikel

 

Diese Seite teilen
Die Uni Jena in den sozialen Medien:
Ausgezeichnet studieren:
Zurück zum Seitenanfang