"Eltern sein", Geschlechterrolle und Sprache in Deutschland und Schweden

Wie beeinflussen die Geschlechterrrolle, Femininität und das "Eltern sein" erwachsenengerichtete Sprache?

Selbstzugeschriebene Femininität von Frauen und Männern in Deutschland und Schweden Selbstzugeschriebene Femininität von Frauen und Männern in Deutschland und Schweden Foto: Melanie Weirich
Ergebnisse:

Ein erstes spannedes Ergebnis war der sprach-/kulturspezifische Unterschied in der Geschlechteridentität: Deutsche und schwedischen Frauen unterschieden sich in ihrer selbstzugeschriebenen Femininität. Während in Deutschland der erwartete Unterschied zwischen den Geschlechtern gefunden wurde, fand sich in Schweden - aufgrund der geringeren Femininitätswerte bei den Frauen - kein Unterschied zwischen den Geschlechtern (Bild links).

Parallel dazu ergab sich ein Unterschied in der Höhe der geschlechtsspezifischen Variabilität (bzgl. Stimmlage und Vokalraum) zwischen den Ländern: die schwedischen Männer und Frauen unterschieden sich weniger in den untersuchten sprachlichen Paramter als die deutschen Männer und Frauen, was vor allem an den tieferen ("männlicheren") Werten der schwedischen Frauen lag.

Sprechstimmlage hängt ab von selbsteingeschätzter Femininität Sprechstimmlage hängt ab von selbsteingeschätzter Femininität Foto: Melanie Weirich

Darüber hinaus fanden wir innerhalb der deutschen Männer einen Zusammenhang zwischen der selbstzugeschriebenen Femininität und der mittleren Sprechstimmlage und der akustischen Realisierung der Vokale: Je femininer ein Mann sich selbst einschätzte, desto höher sprach er (siehe Bild rechts) und desto größer war sein Vokalraum (was eine größere Deutlichkeit zur Folge hat). Der Zusammenhang von Feminintät und Stimmlage ist auch bei den Frauen zu erkennen, er war jedoch knapp nicht signifikant. In Schweden fand sich kein Zusammenhang zwischen Femininität und akustischen Parametern. Daraus lässt sich zum einen schließen, dass das Anzeigen von Femininität bzw. Maskulinität „wichtiger“ in männlichen Stimmen zu sein scheint und zum anderen, dass dieses Anzeigen sprach-/kulturabhängig ist.

Die Rolle des "Eltern seins" hatte einen Einfluss auf sprachliche Merkmale: Im Laufen des ersten Babyjahres fanden sich Veränderungen in der Sprechstimmlage bei Müttern, jedoch nur in den deutschen Daten und nicht in den schwedischen Daten, was gegen einen starken Einfluss biologischer/hormoneller Faktoren spricht. Wahrscheinlicher sind verhaltensbezogene Einflüsse wie mentale und physische Müdigkeit. Diese Annahme wird untermauert von den erhobenen Daten der Einbindung in die Kinderbetreuung: Hier gibt es in Deutschland zu allen Zeitpunkten große Unterschiede zwischen den Geschlechtern, während die schwedischen Väter mit Elternzeit und Mütter sich zu keinem Zeitpunkt unterscheiden, und auch die schwedischen Väter ohne Elternzeit zum vierten Zeitpunkt ähnliche Werte zu den Müttern aufweisen. Neben dem Abfall der Sprechstimmlage zeigten die deutschen Mütter auch eine Veränderung in der Produktion der Vokale (weniger deutlich), während bei den Vätern zumindest tendenziell eine Veränderung bei den Vokalen hin zu einer vergrößerten Deutlichkeit nach (im Vergleich zu vor) der Elternzeit zu erkennen ist.

 

Referenzen:

  • Weirich, M., Simpson, A. P., Öjbro, J., & Ericsdotter Nordgren, C. (2019). The phonetics of gender in Swedish and German. In Proceedings of FONETIK 2019 (pp. 49–53). link zum Artikel
  • Weirich M. & Simpson, A. (2018) Gender identity is indexed and perceived in speech. PLoS ONE 13(12):e0209226. DOI:10.1371/journal.pone.0209226 link zum Artikel
  • Weirich, M. & Simpson,  A. (2017) Acoustic correlates of parental role and gender identity in the speech of expecting parents, Interspeech, Stockholm, 924-928. [pdf]
  • Weirich, M. & Simpson, A. (2016) Changes in IDS and ADS during parental leave - project sketch and first results of pilot studies. Proceedings of the 12th meeting on "Phonetik und Phonologie im deutschsprachigen Raum" (P&P12), Munich, 224-227. [pdf]
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