Osteuropahandbuch

Das 20. Jahrhundert im Osten Europas

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Imre Kertész Kollegs Jena geben das „Routledge History Handbook of Central and Eastern Europe in the 20th Century“ heraus
Osteuropahandbuch
Foto: Kertesz Kolleg Jena

Meldung vom: 28. September 2020, 12:33 Uhr | Verfasser/in: Stephan Laudien | Zur Original-Meldung

Europas Osten hält uns immer wieder in Atem. Staatsgrenzen und Minderheitenfragen mögen nicht mehr die Rolle spielen, die sie über das 20. Jahrhundert hinweg innehatten. Das Ringen um Demokratie und Rechtsstaat jedoch dauert an, außerhalb wie innerhalb der Europäischen Union. Das wirtschaftliche Gefälle ist weiterhin hoch, entsprechend hoch ist auch die Arbeitsmigration. Der Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass diese Probleme nicht neu sind, sie sind auch keineswegs spezifisch für die Region. Spezifisch sind die geopolitische Lage zwischen Deutschland, Europa und Russland, der lange Schatten deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg und die nachfolgenden staatssozialistischen Diktaturen. Somit verbindet uns mehr mit den Nachbarn im Osten als uns im Alltag oft bewusst ist.

Die Länder zwischen Deutschland und Russland im Fokus

Forscherinnen und Forscher am Imre Kertész Kolleg der Universität Jena ziehen nun mit der Veröffentlichung des „Routledge History Handbook of Central and Eastern Europe in the 20th Century“ eine Bilanz des 20. Jahrhunderts in der Region. Die ersten drei von insgesamt vier Bänden liegen vor. In den Blick genommen wird der gesamte Staatengürtel zwischen Deutschland und Russland, vom Baltikum bis Bulgarien. Größere Länder wie Polen, die ehemalige Tschechoslowakei, Rumänien und das einstige Jugoslawien werden dabei etwas ausführlicher behandelt.

Der Band „Challenges of Modernity“ untersucht den tiefen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel hin von den Agrargesellschaften an der europäischen Peripherie über die staatssozialistische Industrialisierung zu den Transformationsgesellschaften der Gegenwart. Der Band „Statehood“ fragt nach den imperialen und nationalstaatlichen, demokratischen und diktatorischen Traditionen in einem Jahrhundert, in dem staatliche Institutionen auch hier weit in den Lebensalltag der Menschen vorgedrungen sind. Im Band „Intellectual Horizons“ stehen Geschichtsbilder und Identitäten, Literatur und Kultur im Mittelpunkt. Der vierte Band „Violence“ folgt im kommenden Jahr.

Das gemeinsame Ziel der Beiträge ist es, die Geschichte der „Vororte“ Europas zu erzählen. Sie zeigen, wie sich diese Geschichte entwickelt hat, wie sie in der Region wahrgenommen wurde und wie sie heute interpretiert werden kann.

Enge Kooperation von internationalen Teams

Alle vier Bände wurden von internationalen Teams in enger Kooperation erarbeitet. Polnische und amerikanische, tschechische und britische, ungarische und deutsche, österreichische und serbische Autorinnen und Autoren werfen hier erstmals einen gemeinsamen Blick auf eine ebenso vielfältige wie spannende Region. Koordiniert wurden die Autorenteams von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Imre Kertész Kollegs Jena. Der tschechische Sozialhistoriker Stanislav Holubec koordinierte den Band „Challenges of Modernity“, die aus Bosnien stammende Sabina Ferhadbegovic zeichnete für „Statehood“ verantwortlich, der Ungar Ferenc Laczó für „Intellectual Horizons“. Die Regie bei „Violence“ obliegt dem Historiker Jochen Böhler, der aktuell den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Universität Jena vertritt. Federführend beteiligt waren zudem die beiden Gründungsdirektoren des Kollegs, Joachim von Puttkamer und Wlodzimierz Borodziej.

Wie Prof. Dr. Joachim von Puttkamer sagt, gab es im Entstehungsprozess der Bände mehrmals Arbeitstreffen in Jena. Die Bücher geben die Ansichten der Autorinnen und Autoren wieder, doch habe es Abstimmungen untereinander gegeben, um Übergänge zu sichern und Überlappungen zu vermeiden. „Wir haben zudem die Entwürfe der einzelnen Beiträge diskutiert“, so Prof. von Puttkamer. Das Ergebnis ist eine umfassende Bestandsaufnahme der Länder Zentral- und Osteuropas. Sie bietet Wissenschaftlern und Studierenden einen umfassenden Einstieg in die aktuelle Forschung auf höchstem internationalen Niveau.

Bibliographische Angaben:

Wlodzimierz Borodziej, Sabina Ferhadbegovic, Stanislav Holubec, Ferenc Laczó, Joachim von Puttkamer (Hg.): „The Routledge History Handbook of Central and Eastern Europe in the Twentieth Century“, 3 Bände, Taylor & Francis Group, London/New York 2020, je etwa 200 Euro

Joachim von Puttkamer, Univ.-Prof. Dr.
Joachim von Puttkamer
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