Prof. Dr. Kim Siebenhüner ist Historikerin und Vizepräsidentin für Studium und Lehre der Uni Jena.

Ein kritisches Bewusstsein für das koloniale Erbe Thüringens fördern

Wissenschaftliche Koordinationsstelle zur Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in Thüringen an den Unis Jena und Erfurt
Prof. Dr. Kim Siebenhüner ist Historikerin und Vizepräsidentin für Studium und Lehre der Uni Jena.
Foto: Jens Meyer (Universität Jena)

Meldung vom: 20. Dezember 2021, 15:29 Uhr | Verfasser/in: Carmen Voigt | Zur Original-Meldung

Die Historikerin Prof. Dr. Christiane Kuller von der Uni Erfurt. Die Historikerin Prof. Dr. Christiane Kuller von der Uni Erfurt. Foto: Hamish John Appleby/Universität Erfurt

Mit insgesamt 300.000 Euro fördert das Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft an den Universitäten Jena und Erfurt den Aufbau einer hochschulübergreifenden „Wissenschaftlichen Koordinationsstelle zur Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in Thüringen“. Die Mittel stammen aus dem Struktur- und Innovationsbudget und wurden für drei Jahre bewilligt. An beiden Universitäten ist seit diesem Monat die Stelle besetzt. Im Interview geben die Antragstellerinnen, die Historikerinnen Prof. Dr. Christiane Kuller von der Universität Erfurt und Prof. Dr. Kim Siebenhüner von Universität Jena, Auskunft über die Pläne.

Wie kam es zu der Idee, eine solche Koordinationsstelle aufzubauen?

Kuller: Das Thema „Koloniales Erbe“ wird ja gerade intensiv diskutiert. Wir reagieren mit der Koordinierungsstelle also zum einen auf das gesteigerte Interesse in Bildungseinrichtungen, Medien und der Zivilgesellschaft an der kolonialen Vergangenheit und möchten dabei auch den Beitrag, den Universitäten in dieser gesellschaftlichen Debatte leisten können, sichtbar machen. Außerdem gibt es an der Universität Jena und an der Universität Erfurt bereits Forschungsprojekte, Lehrveranstaltungen und Vortragsreihen zu diesem Thema. Die Initiative knüpft also im Grunde an die bereits bestehende Expertise an.

Siebenhüner: Außerdem spielen die Sammlungen der Universitäten eine besondere Rolle, in denen sich eine noch unbekannte Anzahl von Objekten befindet, die sich eng mit dem kolonialen Projekt verbinden. Die Aktivitäten stehen allerdings derzeit weitgehend unverbunden nebeneinander. Damit bleibt das große Potenzial ungenutzt, das sich aus einem strukturierten wissenschaftlichen Austausch und einer synergetischen Bündelung der verschiedenen Prozesse für eine systematische Bearbeitung von Forschungsfragen, die sich aktuell mit großem Nachdruck stellen, sowie für eine gemeinsame Profilbildung ergibt. Die Idee ist es nun also, die Aktivitäten beider Universitäten im Hinblick auf Forschung, Lehre und gesellschaftlichen Dialog stärker miteinander zu vernetzen und weiter auszubauen.

Und wie soll das konkret geschehen?

Kuller: Wir werden uns zunächst über unsere jeweiligen Ansätze, Methoden und Ergebnisse austauschen und wollen dann im nächsten Schritt neue Forschungsprojekte und Lehrformate initiieren. Zugleich möchten wir einen Dialog zwischen universitärer Forschung und gesellschaftlichen Akteuren anstoßen, der im Sinne von „Public Science“ unterschiedliche Wissenswelten und Arbeitspraktiken in fruchtbaren Austausch bringt. Und dabei wollen wir insbesondere mit digitalen Formaten dem Thema mehr Sichtbarkeit sowohl innerhalb der sogenannten Forschungswelt als auch in der Gesellschaft verschaffen.

Siebenhüner: Dafür wird die Koordinationsstelle in der Förderphase, also in den kommenden drei Jahren, ein Netzwerk für den regionalen und überregionalen wissenschaftlichen Austausch, insbesondere mit Vertreterinnen und Vertretern des Globalen Südens aufbauen. Aber wir haben nicht nur Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen im Blick, sondern auch zivilgesellschaftliche Initiativen wie die Decolonize­Gruppen in Erfurt, Weimar und Jena und (post-)migrantische Gruppen, die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland und andere Gruppen mit postkolonialen Zielrichtungen als Kooperationspartner und -partnerinnen. Auch eine Kooperation mit Museen und Archiven ist unerlässlich, wie zum Beispiel mit der Sammlung Perthes und überhaupt den Sammlungen in Gotha. Zudem soll es eine enge Zusammenarbeit mit bestehenden staatlich geförderten Bildungsinstitutionen geben: unter anderem der Landeszentrale für Politische Bildung, dem Europäischen Jugendbildungswerk, Gedenkstätten und Schulen. Mit ihnen wollen wir ebenfalls in einen Austausch treten und am Ende auch eine partizipative Plattform für einen Dialog auf Augenhöhe schaffen. Unser Ziel ist es, ein kritisches Bewusstsein für das koloniale Erbe Thüringens in der Gesellschaft zu fördern. Und dafür muss unsere Forschung natürlich auch deutlich sichtbar gemacht werden…

… nämlich wie?

Kuller: Zum Beispiel planen wir ein Kolloquium, an dem Vertreterinnen und Vertreter der Universitäten Erfurt und Jena beteiligt sind und das regelmäßig tagt. Hier werden laufende universitäre und außeruniversitäre Forschungsarbeiten vorgestellt bzw. diskutiert. Das Kolloquium bildet das Zentrum des wissenschaftlichen Austausches, aus dem heraus Projekte entwickelt werden.

Eine weitere Möglichkeit, die Forschung, aber auch ihre aktuellen „Lücken“ sichtbar zu machen, ist die Erstellung einer Art Landkarte zum Thema Kolonialismus in Thüringen. Hier planen wir eine systematische Abfrage bei Museen, Archiven, Sammlungen und Bibliotheken in Bezug auf ihre Bestände zum kolonialen Erbe. Wir wollen daraus Ideen für Lehrveranstaltungen, für Master- und Qualifikationsarbeiten und für kooperative Drittmittelprojekte entwickeln und eine Auswahl aussagekräftiger Objekte und Phänomene für exemplarische Analysen auf einer Website bzw. in einem Sammelband vorstellen, in dem es sowohl wissenschaftliche Beiträge geben wird, als auch die Möglichkeit, andere postkoloniale, dekoloniale oder migrantische Perspektiven einzubringen. Somit ist der Sammelband an der Schnittstelle von Wissenschaft und „Public Science“ angesiedelt. Und nicht zuletzt werden wir unsere Arbeit im Rahmen von öffentlichen Vorträgen, einem Blog und auf unseren Social-Media-Kanälen präsentieren. Für uns ist dabei der Aufbau einer digitalen lnteraktionsplattform – auf der Wissen gesammelt, geteilt und präsentiert werden sowie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann – von großer Bedeutung. Forschungsergebnisse und vorhandenes Wissen über die Thüringer Kolonialgeschichte kann hier z. B. im Blog-Format veröffentlicht und visuell in Form von Karten, Objekten etc. dargestellt werden. Hierzu soll eine Kooperation mit Thüringer Museen, Archiven und dem Digitalisierungsprojekt von Karten der Sammlung Perthes angestrebt werden. Gleichzeitig kann die Plattform zum Sammeln von Bürgerwissen dienen und damit den partizipativen Aspekt stärken. Letztendlich kann die Plattform auch der lnventarisierung kolonialer Orte, Objekte, Literatur und Schriftgut in Thüringen dienen. Diese wiederum kann in größeren Archivierungsprojekten aufgehen, wie dem bundesweiten Archivführer zur deutschen Kolonialgeschichte.

Und wie sieht es mit der Lehre aus? Werden auch die Studierenden der beiden Universitäten profitieren?

Kuller: Ja natürlich. Geplant ist, hier eine Schnittstelle zu universitären Lehrangeboten zu schaffen, in deren Rahmen auch didaktisches Material zum Thema Kolonialismus und Rassismus entwickelt wird, das z. B. für die Webseite aufbereitet wird.

Worin unterscheidet sich die „Wissenschaftlichen Koordinationsstelle zur Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in Thüringen“ dabei eigentlich von anderen Projekten zu diesem Themenbereich?

Siebenhüner: Im Unterschied zu bereits bestehenden kolonialgeschichtlichen Forschungsstellen in Hamburg und Berlin kann die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in Thüringen zeigen, dass koloniale Strukturen auch außerhalb von Kolonialmetropolen wirkmächtig waren und bis heute fortwirken. Auch thüringische Beziehungen reichten bis nach Afrika und Asien. Eine kritische Geschichte des Kolonialismus der vermeintlichen kolonialpolitischen Peripherie ist eine bislang vernachlässigte Perspektive.

Mit der Thüringer Koordinationsstelle wollen wir epochenübergreifend ansetzen und zeigen, dass koloniale Strukturen nicht auf die klassische Kolonialzeit beschränkt sind, sondern schon in der Frühen Neuzeit entstanden und teilweise bis in die „postkoloniale" Gegenwart andauern. Durch diesen breiten zeitlichen Ansatz richten wir die Aufmerksamkeit auf die lange Vorgeschichte gegenwärtiger Problemlagen und verleihen aktuellen Debatten damit hoffentlich eine wichtige historische Tiefenschärfe.

Kontakt (in Jena)

Lehrstuhl Geschichte der Frühen Neuzeit
Kim Siebenhüner, Univ.-Prof. Dr.
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