Büste des Philosophen Jakob Friedrich Fries, der auch Autor einer antisemitischen Hetzschrift ist.

Wie umgehen mit einem schwierigen Erbe?

Debatte um Jakob Friedrich Fries: Philosophinnen schalten Website www.erinnerngestalten.uni-jena.de frei
Büste des Philosophen Jakob Friedrich Fries, der auch Autor einer antisemitischen Hetzschrift ist.
Foto: AK Fries/Institut für Philosophie

Meldung vom: 28. Juli 2021, 07:30 Uhr | Verfasser/in: Stephan Laudien | Zur Original-Meldung

Wie soll man mit Fries und seiner Büste umgehen? Hier ein Vorschlag. Wie soll man mit Fries und seiner Büste umgehen? Hier ein Vorschlag. Foto: AK Fries/Institut für Philosophie

Der Philosoph Jakob Friedrich Fries (1773-1843) zählt heute zwar nicht zu den Klassikern der Philosophie, gilt jedoch als einflussreicher Vertreter des deutschen Kan­tia­nismus bzw. Nachkantianismus. Gleichzeitig trat Fries, der viele Jahre in Jena lehrte, als Autor einer antisemitischen Hetzschrift hervor. In seiner 1816 publizierten Polemik „Ueber die Gefährdung des Wohlstandes und Charakters der Deutschen durch die Juden“ finden sich deutlich judenfeindliche Äußerungen und sogar Aufrufe zur Vernichtung, Vertreibung, Stigma­tisierung. Dennoch wird Fries in Jena in vielfältiger Weise geehrt. So gibt es im Norden der Stadt einen Friesweg; und ein Denkmal in der sogenannten „Via triumphalis“ am Fürsten­gra­ben erinnert an den Philosophen. Im Hörsaal Z1 des Instituts für Philosophie wurde zudem noch im Oktober 2000 eine Fries-Büste aufgestellt. Auf Initiative Studierender wurde die Büste gut 20 Jahre später – im Februar 2020 – verhüllt. Auf der gerade freigeschalteten kom­plexen Website www.erinnerngestalten.uni-jena.de wird nun die Debatte um Fries aufgearbeitet, weitergeführt und öffentlich gemacht. Einmischung ist ausdrücklich er­wünscht.

Ein klares „richtig“ oder „falsch“ ist in der Debatte kaum möglich

Wir erleben eine sehr lebendige Auseinandersetzung in dieser Sache“, sagt Prof. Dr. Andrea Esser vom Institut für Philosophie. Der Streit um die antisemitischen Äußerungen von Fries und die Ehrungen des Philosophen weise weit über die Person Fries hinaus; einfache Ant­wor­ten auf die Frage, wie mit diesem problematischen Erbe umzugehen ist, seien nicht möglich. Um fundierte Meinungen in dieser Sache zu ermöglichen, haben Prof. Esser und ihre Mitar­beiterin Dr. Peggy H. Breitenstein zwei Forschungsseminare angeboten, die zugleich auf lang­jährigen Überlegungen und Projekten zur Frage „Wie umgehen mit Rassismus, Sexismus, Antisemitismus in Werken der Philosophie?“ aufbauen konnten. Im ersten Seminar (Sommer­semester 2020) ging es vorrangig um die philosophischen Schriften Fries', den Umgang mit seinen antisemitistischen Schriften sowie das Verhältnis von Werk und Autor. Im zweiten Forschungsseminar (Wintersemester 2020/21) standen die Möglichkeiten einer kritischen Erinnerungskultur und öffentliche Verhandlungen eines „kulturellen Gedächtnisses“ im Blickpunkt.

Für Dr. Peggy H. Breitenstein dokumentiert die neue Website einen Prozess, dessen Ausgang weiterhin offen ist: „Soll die Büste verschwinden? Soll sie ersetzt oder vielleicht sogar umge­staltet werden?“ Die Seite dokumentiert die aktuellen Kontroversen um die Fries-Ehrungen in Jena. Dort kommen Befürworter der Verhüllung der Büste ebenso zu Wort wie Gegner. Auch um die Bewertung der philosophischen Schriften Fries' geht es. Immerhin steht die Büste des Philosophen neben denen von Fichte, Schelling, Hegel und Frege. Darüber hinaus wird auf der Website die Frage diskutiert, welche Bedeutung Denkmäler überhaupt im Rahmen unserer Er­innerungskultur spielen und welche Facetten des Gedenkens es gibt. Zu guter Letzt steht der Aufruf an die Öffentlichkeit, sich einzumischen und mitzugestalten. Unter dem Leitmotiv „Über­lagern und sichtbar machen“ werden konkrete ästhetische Umgestaltungsvorschläge gesucht.

Ideen zu einem Umgang mit der Fries-Büste werden erbeten bis zum 15. September 2021 an die E-Mail-Adresse fries-ausschreibung@uni-jena.de. Die Ergebnisse des Wettbewerbs sollen gemeinsam mit der neuen Homepage am 1. Oktober 2021 in der Reihe „Kein Schlussstrich“ der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Kontakt:

Arbeitsbereich Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie
Peggy Hetmank-Breitenstein, Dr.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Peggy H. Breitenstein
Telefon
+49 3641 9-44146
Fax
+49 3641 9-44112
Sprechzeiten:
Montag 16:00 bis 17:00 Uhr, Mittwoch 08:00 bis 09:00 Uhr und nach Vereinbarung
Raum D204
Zwätzengasse 9
07743 Jena
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