Musik und Metrik: Sangbare Lyrik vom Codex Buranus bis Hans Sachs
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Das Zusammenspiel von Text und Melodie stellt ein Faszinationsmoment der sangbaren Lyrik
der Vormoderne dar. Insbesondere in den Gattungen mit einstimmigen Melodien vom 12. bis
16. Jahrhundert kommt den metrischen Strukturen eine verbindende Funktion zu: Als
Klangphänomen verleiht das Versprinzip dem Text nicht nur ein artifizielles Gepräge, sondern
lässt jene temporalen Strukturen interagieren, denen sowohl gebundene Sprache als auch Musik
unterliegen. Phänomene von Dauer und Länge sowie Akzentuierungen verbinden Sprache und
Melodie in ihrer gemeinsamen zeitlichen Dimension. Die ästhetische Faktur dieser
künstlerischen Artefakte wird nicht erst in der Aufführung, sondern bereits in der Vorstellung
von diesem Zusammenspiel von Musik und Textmetrik geprägt.
Ab dem 13. Jahrhundert kommen die Neuerungen der Kulturtechnik musikalischer Notation in
erster Linie mehrstimmiger Musik zugute. Dass die einstimmige Lyrik die Möglichkeiten der
präziseren Fixierung musikalischer Parameter erst später, wenn überhaupt, aufgreift,
korrespondiert mit der strukturgebenden Funktion des Textes. Während die linienlosen Neumen
des Codex Buranus (um 1230) nicht einmal eine eindeutige Rekonstruktion des
Tonhöhenverlaufs zulassen, bestimmen die Quadratnotation der Jenaer Liederhandschrift
(Anfang 14. Jh.) sowie die Hufnagelnotation der Liederbücher des 15. Jahrhunderts die
relativen Tonhöhen, verzichten jedoch oftmals auf eine Rhythmisierung. Mit den
Kompositionen Hans Sachs‘ enthält das Notat schließlich auch rhythmische Informationen; das
Meistergesangbuch des Valentin Voigt (1558) weist sogar eine Rhythmisierung älterer
Melodien auf. Trotz dieser mitunter zahlreichen Leerstellen bleibt die Sanglichkeit ein
entscheidendes ästhetisches Charakteristikum dieser lyrischen Formen. In der Untersuchung
dieses Verhältnisses von Textmetrik gilt es, Karl Bertaus Plädoyer zu folgen und Sanglichkeit
als „notwendige Komponente zu verstehen, nicht additiv zu interpretieren, nicht Textmetrik und
Melodik trennbare Sachverhalte sein zu lassen“.1
Der Workshop rückt das künstlerische Artefakt in den Fokus und fragt nach Zusammenspiel,
Wechselwirkungen und Sinn metrischer und musikalischer Strukturen. Erwünscht sind Beiträge,
die sich der formalen Seite widmen, ebenso wie jene, die Varianzen, Widersprüche oder
semantische Potenziale untersuchen. Neben originär komponierter volkssprachlicher Lyrik sind
insbesondere Untersuchungen zu Versifikations-, Translations- und Kontrafakturpraktiken
willkommen.
Mögliche Fragestellungen sind unter anderem:
- Wie verhalten sich Melodieführung und textmetrische Akzente zueinander? Spiegeln
musikalische Strukturen die sprachliche Metrik wider?
- Wie verhält sich die Neutextierung einer Melodie – auch in einer anderen Sprache –
zur Melodievorlage?
- Steht der Effekt der Textmetrik zu einer rhythmisiert oder mit Melismen überlieferten
Melodie im Einklang oder in einem Spannungsverhältnis?
- In welchem Verhältnis stehen verschiedene Versifikationsformen zueinander –
beispielsweise Reimpaardichtung versus strophische Lyrik; Spruchgedicht versus
Meisterlied?
- Welche Bezüge bestehen zwischen metrischen Phänomenen und melodischen Längen,
die sich auch in nicht-rhythmisierter Notation feststellen lassen?
- Wie können metrisch-musikalische Zäsuren etwa bei Binnenreimen und Langzeilen,
beschwerte Hebungen und klingende Kadenzen oder versübergreifende Melodiebögen
wiedergegeben, analysiert und interpretiert werden?
Der Workshop findet am Dienstag, den 16. Juni 2026, an der Friedrich-Schiller-Universität
Jena statt.
Der eintägige, interdisziplinäre Workshop versteht sich als Forum für einen produktiven
Austausch zwischen der Germanistik und der Musikwissenschaft, möchte aber ausdrücklich
auch Brücken zu benachbarten Sprach- und Kulturwissenschaften wie der Latinistik oder
Romanistik schlagen. Ziel ist es, die methodischen Ansätze der verschiedenen Disziplinen im
Dialog an der Schnittstelle von Text und Melodie zu schärfen.
Format: 30 Minuten, anschließend 15 Minuten Diskussion
Wir bitten um die Zusendung von Beitragsvorschlägen mit einem kurzen Abstract (ca. 250 bis
500 Wörter) bis zum 12. April 2026 an die Veranstalter:
Matthieu Romanens (Basel): matthieu.romanens@unibas.ch
Philip Wetzler (Weimar-Jena): philip.wetzler@hfm-weimar.de
Wir bemühen uns um eine finanzielle Unterstützung, insbesondere für nicht institutionell
angebundene Wissenschaftler:innen.
1Bertau, Karl: Sangverslyrik. Über Gestalt und Geschichtlichkeit mittelhochdeutscher Lyrik am Beispiel des
Leichs, Göttingen 1964, S. 13.