„Die tunesische Identität in der Gegenwart“ Ein Film von Ben, Donia, Luise und Wissal
Das Video mit dem Titel „Die tunesische Identität in der Gegenwart“ ist im Rahmen des JISR-Projekts entstanden und das Ergebnis einer interkulturellen Zusammenarbeit in unserer Projektgruppe, zu der die tunesischen Studentinnen Donia und Wissal sowie Luise und Ben von der Universität Jena gehören.
„Die tunesische Identität in der Gegenwart“. Ein Film von Ben, Donia, Luise und Wissal.
Foto: privat-
Welche inhaltlichen Diskussionen prägten die Vorbereitung?
In den Wochen vor der gemeinsamen Reise nach Tunis bereiteten wir die Projektarbeit in mehreren Online-Meetings vor. Dabei entwickelten wir gemeinsam mit unseren tunesischen Projektpartnerinnen thematische Schwerpunkte und diskutierten geeignete Darstellungsformen. Da das Themenfeld Kolonialismus und seine Nachwirkungen sehr breit angelegt ist, war eine bewusste inhaltliche Eingrenzung notwendig. Die Entscheidung für ein Video im Stil einer kurzen dokumentarischen Reportage fiel früh, da visuelle Eindrücke und persönliche Stimmen einen besonders geeigneten Zugang zu einem komplexen historischen und gesellschaftlichen Thema ermöglichen.
Ein zentraler Diskussionspunkt innerhalb der Gruppe war der Stellenwert Habib Bourguibas im Video. Während die tunesischen Studierenden ihn als Schlüsselfigur der kolonialen und postkolonialen Geschichte Tunesiens einordneten, standen wir seiner starken Präsenz zunächst zurückhaltender gegenüber. Als Staatsgründer des modernen Tunesiens ist Bourguiba eine gut erforschte und vielfach dokumentierte Persönlichkeit. Unser ursprüngliches Anliegen war es daher, den Fokus stärker auf individuelle Perspektiven und weniger bekannte Aspekte tunesischer Identitätsbildung zu legen.
Hinzu kam, dass die Bewertung von Bourguibas Politik innerhalb der Gruppe deutlich divergierte. Unsere tunesischen Projektpartnerinnen beurteilten ihn überwiegend positiv, während wir seinen stark an Europa, insbesondere an Frankreich, orientierten Kurs kritisch bewerteten, da er aus unserer Sicht teilweise an koloniale Denkweisen und Strukturen anknüpfte. Schließlich einigten wir uns darauf, Bourguiba einen festen Platz im einführenden, informativen Teil des Films einzuräumen, in dem zentrale historische Aspekte und grundlegende Bezüge der tunesischen Identität erläutert werden. Seine Politik wird dabei sowohl in ihrer Bedeutung als auch in ihren Ambivalenzen kurz kritisch eingeordnet.
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Wie wurden die Interviewfragen entwickelt und ausgewählt?
Die Interviewfragen sowie der grobe Ablauf der Gespräche, die den Hauptteil des Videos bilden, wurden bereits vor der Reise konzipiert. Vor Ort wählten wir die konkreten Fragen gemeinsam aus und passten sie an die jeweilige Gesprächssituation an. Im Mittelpunkt standen dabei das Verhältnis Tunesiens zur ehemaligen Kolonialmacht Frankreich, die historische Rolle Bourguibas sowie die übergeordnete Frage nach der tunesischen Identität in der Gegenwart.
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Welche Herausforderungen ergaben sich bei den Interviews?
Die Durchführung der Interviews war mit mehreren Herausforderungen verbunden. Aufgrund der Sprachbarriere war es uns nicht immer möglich, spontan vertiefend nachzufragen, da die Gespräche erst im Nachhinein übersetzt wurden. Auch die Auswahl geeigneter Interviewpartner:innen erwies sich als schwieriger als zunächst angenommen. Unser Ziel war es, mindestens drei möglichst unterschiedliche Personen zu befragen, die verschiedene Generationen, Geschlechter und soziale Hintergründe repräsentieren.
Während die Altersdiversität problemlos erreicht werden konnte, war es insbesondere schwierig, ältere Frauen für ein Interview vor der Kamera zu gewinnen. Auch die angestrebte sozioökonomische Vielfalt ließ sich nur eingeschränkt umsetzen. Neben Studierenden interviewten wir einen Ingenieur sowie eine ehemalige Englischlehrerin, beide mit Auslandserfahrung. Personen aus weniger akademisch geprägten Milieus lehnten Interviews häufig mit dem Hinweis ab, sie verfügten nicht über ausreichendes Wissen. Trotz unserer wiederholten Betonung, dass persönliche Erfahrungen und Meinungen im Vordergrund stünden, kam es hier zu keiner Zusage. Diese Einschränkung wirft Fragen nach der Repräsentativität der Interviews auf.
Rückblickend wäre es außerdem sinnvoller gewesen, nicht die tunesischen Studierenden unserer eigenen Projektgruppe zu interviewen, da Donias und Wissals Perspektiven bereits von unserer gemeinsamen Vorarbeit geprägt waren. Im Video wird dies stellenweise sichtbar, etwa wenn bei der Frage nach Habib Bourguiba vorsichtig Kritik an seiner Politik angedeutet wird, die weniger aus einer spontanen Position heraus entsteht als aus dem zuvor geführten gemeinsamen Diskussionsprozess.
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Wie verlief die Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe?
Trotz unterschiedlicher Perspektiven und vereinzelter Missverständnisse verlief die Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe insgesamt sehr konstruktiv. Abweichende Meinungen – etwa in der Bewertung Bourguibas – konnten durch offene Kommunikation und gegenseitige Geduld stets produktiv diskutiert und geklärt werden.
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Welche Erkenntnisse haben wir aus dem Projekt gewonnen?
Für uns stellte das Projekt einen intensiven Lernprozess dar. Als deutsche Studierende brachten wir bestimmte theoretische Konzepte, Erwartungen und Begriffe mit, die sich vor Ort nicht immer als anschlussfähig erwiesen. Unser Film versteht sich daher nicht als abschließende Antwort, sondern als Annäherung an ein Land, dessen Identität sich aus Geschichte, Gegenwart und individuellen Erfahrungen immer wieder neu zusammensetzt.
Das Projekt ist interkulturell, weil es genau diese Begegnungen, Perspektivwechsel und auch Missverständnisse sichtbar macht – zwischen akademischem Wissen aus einem deutschen Hochschulkontext und den gelebten Erfahrungen der Menschen in Tunesien. Unser Ziel ist es nicht, Tunesien zu erklären oder zu bewerten, sondern einem deutschen Publikum die Vielschichtigkeit von Geschichte, Identität und Erinnerung näherzubringen.
Die Reise nach Tunis hat uns vor allem eines gezeigt: Die koloniale Vergangenheit wirkt nicht einheitlich fort. Sie wird unterschiedlich erinnert, angeeignet und bewertet. Diese Vielstimmigkeit ernst zu nehmen – und dabei die eigenen Annahmen kritisch zu hinterfragen – ist eine der zentralen Erkenntnisse, die wir aus diesem Projekt mitnehmen.
"Interkulturelle Synergien durch Musik" Ein Film von Ameni, Islem, Mane, Marie und Sameh
"Interkulturelle Synergien durch Musik" Ein Film von Ameni, Islem, Mane, Marie und Sameh
Foto: privatDas im Video dokumentierte Projekt entstand im Rahmen des JISR-Programms in Tunesien im Rahmen einer Zusammenarbeit der Universität Jena und der Universität Tunis El Manar im November 2025. Ausgangspunkt unserer Arbeit ist die Forschungsfrage: Was bedeutet Musik für die tunesische Bevölkerung und wo kann sie Synergien schaffen, wo Sprache ihre Grenzen zieht? Ziel des Projekts ist es, Musik nicht primär als ästhetisches Produkt, sondern als soziale Praxis zu untersuchen, die interkulturelle Begegnungen ermöglicht und kollektive Prozesse des Austauschs hervorbringt.
Das Projekt zeigt, dass Musik auch dort wirksam wird, wo Sprache an ihre Grenzen stößt. Sie fungiert als soziale Praxis, die interkulturelle Räume eröffnet, Verständigung ermöglicht und kollektive Erfahrungen hervorbringt – sowohl im untersuchten Kontext als auch im gemeinsamen Forschungsprozess selbst.
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Zum Begriff der Synergie
Das Video folgt dem chronologischen Verlauf unseres Arbeitsprozesses und macht zugleich sichtbar, wie sich unsere Fragestellung im Laufe des Projekts entwickelt. Anstatt mit einer klar definierten Hypothese zu beginnen, lässt sich unser Erkenntnisinteresse schrittweise aus situativen Beobachtungen, Begegnungen und Gesprächen heraus formen. Die einzelnen Stationen des Projekts sind dabei nicht isoliert zu verstehen, sondern stehen in einem inhaltlichen Zusammenhang, der durch den Begriff der Synergie analytisch gefasst wird. Dieser lässt sich mit aus den griechischen Worten „syn“ und „ergon“ mit „gemeinsames Wirken“ übersetzen. Wir verstehen Synergie in unserem Video als interkulturelles Phänomen in Situationen, in denen die Wirkung zweier Faktoren gleichzeitig größer ist als die Summe ihrer Einzelwirkungen. In Zusammenhang mit einem interkulturellen Kontext nehmen wir an, dass Musik Möglichkeiten schafft, kulturelle Perspektiven und Kompetenzen zu kombinieren und dadurch einen Mehrwert für alle Parteien erzeugt. Durch gemeinsames Musizieren, Hören oder Produzieren von Musik können beispielsweise neue, geteilte Bedeutungen, Verständigungsformen und soziale Beziehungen (weiter)entwickelt werden und Menschen verschiedener Kulturen und Hintergründe in Wechselwirkung miteinander treten. In unserem Projekt zeigt sich Synergie sowohl auf musikalischer Ebene im gemeinsamen Musizieren als auch auf sozialer Ebene, in Formen von Begegnung, Austausch und Gemeinschaft.
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Erste Eindrücke in Tunis
Ausgangspunkt unseres Projekts ist ein Erlebnis im Stadtzentrum am ersten Tag unseres Aufenthalts. Im öffentlichen Raum entdecken wir eine Musikgruppe auf einer Bühne, die mit verschiedenen Instrumenten und tunesischem Gesang das Zentrum von Tunis füllt. Passantinnen und Passanten bleiben stehen, hören zu oder beginnen spontan zu tanzen. Diese Szene zeigt unseren ersten Eindruck der tunesischen Musik und wird im Video als „selbstverständlich“ beschrieben, ist jedoch analytisch bedeutsam: Sie demonstriert, wie Musik als nicht-sprachliches Kommunikationsmedium soziale Teilhabe ermöglicht und kollektive Dynamiken hervorbringt. Durch diese Selbstverständlichkeit erzeugt das Konzert für uns eine affektive Resonanz und macht die Hauptstraße zu einem gemeinsamen Raum für Musik, die Musizierenden und das Publikum. So eröffnet uns das Konzert einen ersten Zugang zu dem kulturellen Kontext, mit dem wir uns die folgenden Tage noch genauer beschäftigen.
Diese erste Beobachtung wird im weiteren Projektverlauf vertieft. Der Besuch der Kulturtage an der Université de Tunis stellte zunächst keinen klar umrissenen Forschungskontext dar. Erst vor Ort wurde deutlich, dass insbesondere die musikalischen Aktivitäten der Studierenden einen Anschluss an unsere Fragestellung boten. Die ungeplante gemeinsame musikalische Praxis bestätigte unseren anfänglichen Eindruck: Musik wirkt sowohl in informellen als auch in institutionell organisierten Kontexten als verbindendes Element, das Begegnung ermöglicht und Gemeinschaft temporär herstellt. Dabei spielt es keine Rolle, welcher Gruppe oder Kultur man sich zugehörig fühlt, denn der musikalische Raum steht allen offen.
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Interviews mit Künstler:innen und Expert:innen
Ein zentraler Bestandteil des Projekts sind Gespräche und Interviews mit Künstler:innen und Expert:innen im Thema Musik. Anstelle festgelegter Leitfragen interessiert uns zunächst die individuelle Bedeutung von Musik im Leben unserer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. In der Gesamtbetrachtung eröffnen uns die Interviews unterschiedliche Perspektiven auf musikalische Praxis, Ausbildung und Alltag. Die Unterhaltungen erfolgen hauptsächlich auf dem tunesischen Dialekt, wodurch die Kommunikation innerhalb unserer Gruppe umso mehr an Bedeutung für eine erfolgreiche Umsetzung gewinnt. Das Gespräch mit einem Lehrer des Centre de la Musique et des Arts Populairs in Tunis zeigt exemplarisch, dass Verständigung nicht nur auf der sprachlichen Ebene erfolgt. Durch gemeinsames Musizieren und Wahrnehmen entsteht trotz sprachlicher Barrieren ein geteilter Bedeutungsraum. Musik fungiert hierbei als interkulturelles Medium, das Synergie erzeugt, indem es Kommunikation im gemeinsamen Handeln und Erschaffen ermöglicht. Das macht deutlich, dass interkultureller Austausch ein situativer, gemeinschaftlicher Aushandlungsprozess ist, der durch Musik unterstützt werden kann.
Eine weitere analytische Perspektive eröffnet uns das Gespräch mit Dr. Omotolani Ekpo über die Musiktradition Stambeli während unseres Besuchs bei MECAM. Dieses Interview erweiterte den Forschungshorizont von gegenwärtiger Praxis um historische, soziale und religiöse Kontexte musikalischer Ausdrucksformen. Über den Stambeli stellt Dr. Omotolani dar, dass Musik stets kulturell eingebettet ist und kollektive Erfahrungen, Erinnerungen und Identitäten transportiert.
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Interkulturalität im Arbeitsprozess
Auch unser eigener Arbeitsprozess ist von Interkulturalität uns Synergien geprägt. Unsere Gruppe besteht aus fünf Personen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Diese Vielfalt beeinflusst unsere Perspektiven, methodischen Entscheidungen und Gesprächsführungen maßgeblich. Rückblickend wird deutlich, dass unser Erkenntnisgewinn weniger aus linearer Planung als aus Offenheit gegenüber ungeplanten Situationen, klarer Kommunikation und einem Maß an Anpassungsfähigkeit sowie Ambiguitätstoleranz entsteht. Gerade diese Offenheit ermöglicht es, synergetische Prozesse ins Rollen zu bringen und wahrzunehmen, die sich sprachlich nur begrenzt fassen lassen.
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Bibliographie
Barmeyer C. I./Genkova P./Scheffer J. (2011). Interkulturelle Kommunikation und Kulturwissenschaft. Grundbegriffe, Wissenschaftsdisziplinen, Kulturräume. Passau, Verlag Kart Stutz.
Graf, P. (2013). Musik als Raum für interkulturelles Lernen–die Entdeckung des Eigenen in der Begegnung mit dem Fremden. In Responses to Diversity. Musikunterricht und-vermittlung im Spannungsfeld globaler und lokaler Veränderungen (pp. 85-102).
DeNora, T. (2000). Music in everyday life. Cambridge University press.
Dorfer, Angelika. Die Rolle von Musik in der interkulturellen Integration : eine qualitative Studie in Graz. 2009. Verfügbar unter https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/download/pdf/207991Externer Link (17.01.2026).