Bewegliche Ordnung. Goethes Naturforschung
Neuer Forschungs- und Begleitband zur Dauerausstellung im Goethe-Laboratorium der Universität Jena erschienen
Präsentation des Begleitbandes in der Dauerausstellung des Goethe-Laboratoriums vor dem Gemälde von Heinrich Christoph Kolbe.
Foto: Irena Walinda
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Meldung vom: | Verfasser/in: Irena Walinda
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Dr. Helmut Hühn und Dr. Margrit Wyder stehen neben dem Elefantenschädel in der Dauerausstellung im Goethe-Laboratorium in Jena.
Foto: Jens Meyer (Universität Jena)Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) war nicht nur Dichter und Staatsmann, sondern auch ein leidenschaftlicher Naturforscher. Über 50 Jahre widmete er sich intensiv wissenschaftlichen Fragestellungen und arbeitete auf den Gebieten der Geologie, Anatomie, Botanik, Farbenlehre und Meteorologie. Seine Forschungen zielten darauf ab, die Gesetzmäßigkeiten des Wandels in der Natur sichtbar zu machen und die vielfältigen Erscheinungsformen des Lebendigen in ihren Zusammenhängen zu verstehen.
Die von Dr. Helmut Hühn (Friedrich-Schiller-Universität Jena) und Dr. Margrit Wyder (Zürich) kuratierte Dauerausstellung »Bewegliche Ordnung« im Goethe-Laboratorium vermittelt anschaulich Goethes naturwissenschaftliches Denken und dessen enge Verbindung zur Universität Jena. Nun liegt mit dem gleichnamigen Band eine umfassende wissenschaftliche Publikation vor, die zentrale Themen der Ausstellung vertieft und in einen breiteren Forschungszusammenhang einordnet.
Der von Helmut Hühn und Margrit Wyder herausgegebene Band versammelt Beiträge renommierter Autorinnen und Autoren aus der Naturwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte, Philosophie, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft. Zu den Mitwirkenden zählen auch Forschende der Universität Jena wie der Zoologe und Evolutionsbiologe Martin S. Fischer, der Kunsthistoriker Johannes Grave, der Botaniker Frank Hellwig oder die Kustodin der Mineralogischen Sammlung Birgit Kreher-Hartmann. Erschienen ist das Werk im Wallstein Verlag in der Reihe »Ästhetik um 1800«.
Form, Gestalt und Verwandlung
Auf 420 Seiten und mit 174 überwiegend farbigen Abbildungen bietet der Band einen facettenreichen Zugang zu Goethes Naturforschung. Im Mittelpunkt steht sein Verständnis von Form, Gestalt und Verwandlung. »Das Buch zeigt Goethes wissenschaftliche, philosophische, ästhetische wie poetische Auseinandersetzung mit Formen und Formveränderungen, wie er sie im Rahmen seiner Morphologie und Metamorphosenlehre thematisiert hat«, erläutert Herausgeber Helmut Hühn. »In das Zentrum der Betrachtung rückt dabei die bewegliche Ordnung der Natur, die sich in der Dynamik des Lebendigen manifestiert.«
Die Beiträge behandeln zentrale Forschungsfelder Goethes – von der Geologie und Anatomie über die Botanik, Farbenlehre und Meteorologie bis hin zu seinen Versuchen, unterschiedliche Wissensgebiete miteinander zu verbinden. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Methoden seiner Forschung, den Darstellungsformen seiner Erkenntnisse sowie den Möglichkeiten und Grenzen seines morphologischen Denkens. Studien zu ausgewählten Objekten von Goethes »gegenständlichem Denken« ergänzen die Überblicksdarstellungen und vergegenwärtigen zugleich die Stadien der jeweiligen Theoriebildung. Ein Beitrag zum vielgestaltigen »Nachleben« von Goethes Betrachtungsweise der Natur beschließt das Werk.
Reihenbildung und geistige Anschauung
Das genaue Beobachten und vergleichende Betrachten bildeten für Goethe die Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis. Das Verfahren der Bildung von Reihen führte ihn auch zur (Wieder-)Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen, dessen Fehlen bis dato als Unterscheidungsmerkmal zur Tierwelt galt. In seiner Weiterentwicklung bildete Goethe auf dem Feld der Botanik die Betrachtungsweise einer geistigen Anschauung von Veränderungsprozessen aus. Die Dauerausstellung und ihr Begleitband zeigen gleichermaßen, welche Bedeutung diese Methodik für Goethes wissenschaftliches Praktizieren besaß. Johannes Grave verdeutlicht in seinem Beitrag die zentrale Rolle der Zeichnung für Goethes Morphologie. Gerade das zeichnerische Erfassen erschien Goethe besonders geeignet, zeitliche Prozesse der Gestaltveränderung sichtbar und nachvollziehbar zu machen.
Sowohl die Ausstellung als auch der Begleitband machen deutlich, dass Goethe die Natur als ein Gefüge beständiger Verwandlungen verstand – sei es in Pflanzen, Wolken, Farben oder Gesteinsformationen. Erkenntnis entstand für ihn aus der aufmerksamen Beobachtung dieser Prozesse. Mit »Bewegliche Ordnung« liegt nun eine reich illustrierte und wissenschaftlich fundierte Einführung in dieses Denken vor, die neue Perspektiven auf viele Praxisfelder Goethes eröffnet. Deutlich wird, dass für Goethe Naturerkenntnis und menschliche Selbsterkenntnis zusammengehören:
Es ist ein angenehmes Geschäft die Natur zugleich und sich selbst zu erforschen weder ihr noch seinem Geiste Gewalt anzuthun, sondern beyde durch gelinden Wechseleinfluß miteinander ins Gleichgewicht zu setzen.
Autor: Johann Wolfgang von Goethe, »Sprüche in Prosa«
Bibliografische Angaben
Bewegliche Ordnung. Goethes Naturforschung
Herausgegeben von Helmut Hühn und Margrit Wyder
Reihe: Ästhetik um 1800, Band 18
420 Seiten, 174 überwiegend farbige Abbildungen
Gebunden mit Schutzumschlag, 21 × 27 cm
ISBN 978-3-8353-5845-4
Wallstein Verlag
Goethe-Laboratorium
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 11–17 Uhr
Fürstengraben 26
07743 Jena
Kontakt:
Helmut Hühn, Dr.
- h.huehn@uni-jena.de
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- +49 3641 9-401071
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